|
|
Dirk Lorenzen
Astrophysiker, Autor der Sternzeit
|
|
|
|
|
|
Liebe Leserinnen und Leser, liebe
Weltraumfans,
„Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag
unsere neun Planeten“ – mit diesem Merkspruch haben
Generationen von Astrofans die Reihenfolge der Planeten gelernt.
„Mein“ steht für Merkur, „Vater“ für die
Venus, „erklärt“ für die Erde usw. Über Mars,
Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun geht es bis zu Pluto. Doch seit 20
Jahren ist Pluto „nur“ noch Zwergplanet. Mit Neptun ist
Schluss. Der Satz endet nun mit „unseren Nachthimmel“. Was bis
heute vielen als „Degradierung“ Plutos gilt, war ein ganz
normaler wissenschaftlicher Prozess, den es im 19. Jahrhundert schon einmal
gegeben hat. Pluto ist ein erstaunlich aktiver Eiskörper mit einer
dünnen Atmosphäre – ihm ist es völlig egal, welches
Etikett ihm ein paar Erdlinge geben.
|
|
|
|
|
|
Liebe
Grüße vom Rand des Sonnensystems: Pluto hat auch als Zwergplanet
ein Herz für Besuch von der Erde! (New Horizons / NASA)
|
|
|
|
Ob Planet oder Zwergplanet: Pluto ist buchstäblich ein
„Außenseiter“ im Sonnensystem: Er zieht jenseits der vier
Gasriesen Jupiter bis Neptun seine Bahn. Mit knapp 2400 Kilometern
Durchmesser ist er viel kleiner als unser Mond. Seine Bahn ist stark
elliptisch: Im sonnennächsten Bereich verläuft sie für
einige Jahre sogar innerhalb der Neptunbahn.
Viele hatten erwartet,
dass Pluto eine in eisiger Kälte erstarrte Welt wäre –
immerhin ist er mehr als 30-mal weiter von der Sonne entfernt als die Erde.
Ihn erreichen nur wenig Licht und Wärme. Unser Stern steht dort nicht
als gelbe Scheibe am Himmel, sondern nur als besonders heller Lichtpunkt.
Doch Pluto ist ganz anders als vermutet.
|
|
|
|
Ihnen wurde der Newsletter weitergeleitet? Hier können
Sie ihn abonnieren
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Unter -200°C kalt – und
dennoch sehr aktiv
|
|
|
|
|
|
|
|
Das zeigte die NASA-Sonde New Horizons, die im Juli 2015 an
ihm vorbeiflog. Die Bilder, die sie von dort draußen – rund
fünf Milliarden Kilometer entfernt – zur Erde gefunkt hat,
gehören für mich zu den beeindruckendsten, die ich je gesehen
habe. Auf Pluto gibt es eine gewaltige Ebene, die die Form eines Herzens
hat. Was für eine berührende Geschichte: Eine Raumsonde fliegt
ein Jahrzehnt durch die Weiten des Sonnensystems – und was macht
Pluto? Er zeigt Herz! Dieses Foto hing damals monatelang an einer
Magnettafel in meiner Küche.
Das Herz erhielt den Namen
Tombaugh Regio – nach Clyde Tombaugh, der Pluto vor fast hundert
Jahren entdeckt hat (mehr dazu später). Der größte Teil des
Herzens ist offenbar entstanden, als Pluto einst von einem etwa 700
Kilometer großen Körper aus Eis und Gestein unter einem flachen
Winkel gerammt wurde. Demnach blieb nach der sanften Kollision eine
Vertiefung ein Viertel so groß wie Europa zurück. Das
Einschlagsbecken wurde schnell von Stickstoff- und Methaneis
bedeckt.
|
|
|
|
|
|
|
Kein Crash – ein
freundlicher Rempler
|
|
|
|
|
|
|
|
Während im inneren Sonnensystem eine Kollision oft zu
großer Zerstörung führt, sind in Plutos Gefilden die
Körper viel langsamer unterwegs. Die Energie reicht nicht aus, um die
beteiligten Objekte aufzuschmelzen. Unter Plutos dicker Eiskruste schwappt
vielleicht ein etwa 100 Kilometer tiefer flüssiger Ozean.
Womöglich gibt es auf dem Zwergplaneten noch heute Vulkanismus. Dabei
quillt allerdings keine Lava aus dem Inneren hervor, sondern ein Eismatsch
aus Wasser, Stickstoff, Methan und Ammoniak. Dabei ist rätselhaft, was
Plutos Energiequelle ist. Das wenige Sonnenlicht allein reicht kaum
aus.
|
|
|
|
|
|
Der Mond
Charon ist mit 1214 Kilometern Durchmesser etwa halb so groß wie
Pluto selbst. Seine Oberfläche besteht vor allem aus Wassereis. Sie
zeigt etliche Einschlagkrater, lange Gräben und eine auffällige
Gebirgskante, die sich über mehr als 1000 Kilometer erstreckt. (New
Horizons / NASA)
|
|
|
|
Dass Pluto nicht seit Ewigkeiten steinhart gefroren ist, zeigt
ein Blick auf seine Oberfläche unmittelbar: Manche Gebiete sind von
zahllosen Kratern übersät, andere Bereiche dagegen nahezu glatt
mit nur sehr wenigen Einschlägen. Die zernarbten Gegenden dürften
sich seit Jahrmilliarden nicht verändert haben – sie zeigen noch
alle Spuren der kosmischen Brocken, die dort eingeschlagen sind. Dagegen
ist glattes Gelände geologisch gesehen sehr jung, maximal etwa hundert
Millionen Jahre alt. Offenbar hat hier herausgequollener Eismatsch die
alten Krater überspült.
|
|
|
|
|
|
|
Mit Vollgas an Pluto vorbei
|
|
|
|
|
|
|
|
Am liebsten würde man sofort wieder zu Pluto fliegen. New
Horizons hat alle Messungen binnen weniger Tage während des
Vorbeiflugs mit einem Tempo von 50.000 Kilometern pro Stunde gemacht. Im
Idealfall wäre sie in eine Umlaufbahn um Pluto eingeschwenkt und
hätte ihn jahrelang aus der Nähe erforscht. Dafür hätte
die Sonde aber stark abbremsen und sich von der schwachen Schwerkraft
Plutos einfangen lassen müssen – die erforderliche
Treibstoffmenge wäre viel schwerer gewesen als die halbe Tonne, die
New Horizons auf die Waage bringt. Die Sonde ist nach
Raumfahrtmaßstäben federleicht. Nur deswegen konnte sie in zehn
Jahren zum Pluto rasen (unterwegs hat sie nur am Jupiter zusätzlichen
Schwung geholt).
|
|
|
|
|
|
|
Arrokoth, der Schneemann hinter
Pluto
|
|
|
|
|
|
|
|
Dreieinhalb Jahre nach der Pluto-Passage zog New Horizons in
3500 Kilometern Abstand an einem Objekt vorbei, das später den Namen
Arrokoth erhielt. Der bedeutet „Himmel“ in einer Sprache der
Ureinwohner des heutigen US-Bundesstaates Virginia. Das eisige Objekt
besteht aus zwei Komponenten: die größere hat knapp 20
Kilometer, die kleinere gut 14 Kilometer Durchmesser. Offenbar sind die
beiden aneinander kleben geblieben. Arrokoth war bei der Passage von New
Horizons 6,4 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt. Nie zuvor hat eine
Raumsonde ein so fernes Objekt besucht. Es dürfte viele Jahrzehnte
dauern, bis dieser Rekord gebrochen wird.
|
|
|
|
|
|
Letzte
Ausfahrt Arrokoth: Das Hubble-Teleskop hatte 2014 gezielt nach Objekten
gesucht, die New Horizons nach der Pluto-Passage ansteuern könnte.
Dieses Trans-Neptun-Objekt ist ein tiefgefrorener Rest aus der Anfangszeit
des Sonnensystems. (New Horizons / NASA)
|
|
|
|
Die Planeten Merkur bis Saturn sind mit bloßem Auge zu
sehen und seit Menschengedenken bekannt. Uranus kam 1781 hinzu, Neptun
1846. Im Februar 1930 hat der US-Astronom Clyde Tombaugh schließlich
Pluto entdeckt – im Rahmen einer systematischen Suche mit einem
Fernrohr der Sternwarte Flagstaff in Arizona. Tombaugh fotografierte
dasselbe Sternfeld im Abstand einiger Nächte und verglich die Bilder
dann mit Hilfe eines Blinkkomparators. So ein Gerät zeigt zwei
Aufnahmen im schnellen Wechsel: Die Sterne bilden auf beiden Fotografien
dasselbe Muster – aber sich bewegende Objekte wie Asteroiden und
Planeten springen hin und her. Nach fast einem Jahr Suche hatte der junge
Astronom schließlich Pluto entdeckt – damals der neunte
Planet.
|
|
|
|
|
|
|
Plutos „Ermordung“ in
Prag
|
|
|
|
|
|
|
|
Dass Pluto Planetenstatus erhielt, lag schlicht daran, dass er
schon 1930 entdeckt wurde. Erst 1992 ging das nächste Objekt jenseits
des Neptuns ins Netz. Inzwischen sind mehr als 5000 Trans-Neptun-Objekte
bekannt. Manche sind größer als Pluto! Die Astronominnen und
Astronomen mussten sich entscheiden: Will man viele dieser Objekte als
Planeten zählen? Gibt es Merksätze für Hunderte Objekte...?
Um der Planeteninflation zu entgehen, führte man 2006 beim
Astronomie-Weltkongress in Prag die neue Kategorie der Zwergplaneten ein.
Ich war damals beim „Showdown“ dabei – ein
denkwürdiges Erlebnis.
Während des zweiwöchigen
Kongresses liefen manche Sitzungen der Arbeitsgruppe aus dem Ruder. Ein
Team vermeintlicher Experten hatte zunächst eine absurd komplizierte
Definition vorgeschlagen, nach der Pluto weiterhin als Planet gegolten
hätte – aber auch der Asteroid Ceres, der Plutomond (!) Charon
und das Trans-Neptun-Objekt Eris wären plötzlich Planeten
gewesen. Das planetare Dutzend hielt sich nur wenige Tage.
|
|
|
|
|
|
|
Eine Entscheidung wie vor 150
Jahren
|
|
|
|
|
|
|
|
Nach tumultartigen Diskussionen, bei denen sich manche
Teilnehmer wüst beschimpften und – kein Witz! – manchmal
gar eine handfeste Rauferei drohte, wurde Pluto aus dem Planetenreigen
entfernt. Die Korrektur war überfällig – und historisch
nicht neu. Bereits im 19. Jahrhundert hatte man Planeten
„degradiert“. Die ersten vier Asteroiden galten für rund
50 Jahre als Planeten. Als dann immer mehr Körper im Bereich zwischen
Mars und Jupiter entdeckt wurden, entschied man sich, diese Objekte als
Kleinplaneten oder Asteroiden zu bezeichnen.
|
|
|
|
|
|
Als New
Horizons Pluto passiert hatte, blickte die Sonde noch einmal zurück:
Die Sonne steht genau hinter Pluto, dessen dünne Atmosphäre das
Licht bricht und so diesen wunderbaren Ring zaubert. Die Raumsonde (derzeit
etwa 10 Mia. km entfernt) fliegt für immer durch die Milchstraße
und wird nie zurückkehren. (New Horizons / NASA)
|
|
|
|
Dass dieses Thema auch nach 20 Jahren noch sehr emotional ist
– zumal in den USA (Pluto war der einzige dort entdeckte Planet)
–, zeigte kürzlich NASA-Chef Jared Isaacman. Er verkündete,
dass er Pluto gerne wieder zum Planeten machen möchte. Die Aussage ist
erstaunlich: Zum einen entscheidet nicht die NASA, sondern allein die
Internationale Astronomische Union über Benennungen und Definitionen
im All. Zum anderen machte Isaacman diese Bemerkung während einer
Anhörung im US-Kongress, bei der er die Pläne der US-Regierung
verteidigte, die Mittel für das NASA-Wissenschaftsprogramm um 50 (!)
Prozent zu kürzen.
|
|
|
|
|
|
|
Pluto – die Nebelkerze
für den NASA-Chef
|
|
|
|
|
|
|
|
Da lässt sich mit Pluto wunderbar vom Kahlschlag bei der
NASA-Wissenschaft ablenken. Noch fliegt New Horizons weiter durch die
Außenbereiche des Sonnensystems. Aber jetzt droht ihr wegen der
Kürzungspläne ein vorzeitiges Ende. Es ist wissenschaftlich
völlig egal, ob man Pluto als Planeten oder Zwergplaneten bezeichnet.
Nicht egal ist dagegen die finanzielle Ausstattung des legendären
NASA-Wissenschaftsprogramms. Pluto würde Herrn Isaacman einen
husten!
Clyde Tombaugh, der 1997 im Alter von fast 91 Jahren
gestorben ist, hat das „Schicksal“ Plutos nicht mehr erlebt.
Aber er kam „seinem“ Planeten sehr nah: Denn die NASA-Sonde New
Horizons trägt ein paar Gramm von Clyde Tombaughs Asche in die Tiefen
des Weltalls. Gute Reise, wohin auch immer sie führen wird!
Mit
himmlischen Grüßen
|
|
|
|
|
|
Dirk Lorenzen berichtet seit mehr als 30 Jahren über
Astronomie und Raumfahrt. Pluto hat er einmal selbst gesehen: Im Teleskop
des Northern Arizona University Campus Observatory in Flagstaff (dem
Entdeckungsort Plutos!) war das ferne Objekt als Lichtpunkt zu
erkennen.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Am 12. August schiebt sich der Mond (hier aufgenommen am
Morgen des 12. Juli) vor die Sonne. In Teilen Grönlands, Islands und
Spaniens kommt es zu einer totalen Sonnenfinsternis – in Mitteleuropa
ist eine stark partielle Sonnenfinsternis zu sehen. Dieser Newsletter
erscheint das nächste Mal Anfang August: Dann dreht sich alles um den
Kernschatten des Mondes und den Zauber einer Sonnenfinsternis. Verfolgen
Sie bis dahin, wie der Mond um die Erde zieht. Der Countdown zur Finsternis
läuft! (Lorenzen)
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Der US-Astronom Clyde Tombaugh entdeckte Pluto, indem er
systematisch mit einem Fernrohr der Sternwarte Flagstaff in Arizona den
Himmel absuchte. Inzwischen hat auch in der Astronomie Künstliche
Intelligenz Einzug gehalten - und hilft dabei, alte und neue Rätsel zu
ergründen. Um Künstliche Intelligenz geht es übrigens auch
im neunteiligen Science-Fiction-Thriller Hologrammatica. Darin sucht
Privatdetektiv Singh eine verschwundene Programmiererin für digitale
Gehirne. Und entdeckt ein Geheimnis, das alles verändert. Wenn KI die
Welt retten kann – geben wir die Kontrolle ab? Viel Spaß beim
Hören!
|
|
|
|
|
|
|
Hologrammatica (1/9): Der
Auftrag
|
|
|
In der Deutschlandfunk App anhören
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Astronomie in früher
Neuzeit: KI wertet alte Schriften aus
|
|
|
In der Deutschlandfunk App anhören
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Wie Künstliche
Intelligenz den Blick ins All verändert
|
|
|
In der Deutschlandfunk App anhören
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Das tägliche Stück vom
Himmel
|
|
|
|
|
|
In 100 Sekunden erzählt die „Sternzeit“
eine Geschichte aus den Weiten des Weltraums – und das seit dem 1.
Oktober 1993 jeden Tag. Hier können Sie die Hörstücke
kostenlos abonnieren.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Die Deutschlandfunk
App
|
|
Jetzt herunterladen und
loshören.
|
|
|
|
|
|
|