| | | | | | | 8. April 2026 - Ausgabe 25 | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Dirk Lorenzen Astrophysiker, Autor der Sternzeit | | | | | | | | | Liebe Leserinnen und Leser, liebe Weltraumfans, nirgendwo gibt es mehr Großteleskope als in Chile – in der Atacama-Wüste und ihren südlichen Ausläufern lässt sich perfekt nach den Sternen greifen. Dort tummeln sich das Very Large Telescope, das künftige Riesenteleskop ELT, die Sternwarten La Silla, Tololo und Las Campanas, auch das neue Rubin-Observatorium. Dass Chile so herausragende Sichtbedingungen bietet, entdeckte einst Jürgen Stock. Jahrelang ritt er durch die Anden, um die besten Plätze zu finden. Fast im Alleingang machte er Chile zu einer astronomischen Weltmacht. Jürgen Stock? Diesen Namen kennt kaum ein Astronom. Die Fachwelt hat einen ihrer größten Pioniere vergessen. Eine Schande. | | | | | | | | | Auch das nagelneue Rubin-Observatorium – es war bereits Thema dieses Newsletters – profitiert vom Können Jürgen Stocks. Es befindet sich auf Cerro Pachón, einem Nachbargipfel von Tololo. Bei dieser mehr als halbstündigen Belichtung sind die Sterne durch die Erddrehung zu langen Spuren gezogen. (Hernan Stockebrand/Rubin Obs.) | | | | | | „Die erste Nacht da oben war so eindrucksvoll: total klar, absolut windstill, sehr angenehme Temperatur. Einfach finstere schwarze Nacht in allen Richtungen, weil ja nichts an Ortschaften in der Nähe war. Besser konnte man es gar nicht haben.“ So erzählte mir Jürgen Stock (1923-2004) von der ersten Nacht auf einem Berg, der heute in der Astronomie einen magischen Klang besitzt: Cerro Tololo. Stock suchte in den Jahren 1959 bis 1962 nach dem perfekten Standort für ein Observatorium. Der Hamburger war nach dem Studium Anfang der 1950er Jahre in die USA gegangen, weil die Berufsaussichten hierzulande mehr als schlecht waren. Gerard Kuiper (1905-1973), der berühmteste Himmelskundler jener Zeit, wurde auf den jungen Deutschen aufmerksam und heuerte ihn für die Yerkes-Sternwarte der Universität von Chicago an. Kuiper plante eine kleine Außenstelle auf der Südhalbkugel – und schickte Jürgen Stock nach Chile. | | | | | Das astronomische Paradies im Norden Chiles | | | | | Drei Berge in der Umgebung der Hauptstadt Santiago waren bereits in der engeren Wahl für ein 1,5-Meter-Teleskop und Stock sollte bestimmen, welcher der drei am besten geeignet ist. Nach einigen Testbeobachtungen war sofort klar, dass alle drei keine guten Bedingungen boten. Jürgen Stock setzte auf den Norden des Landes, weil dort Gebirge, Wüstenklima und der kalte Humboldtstrom vor der Küste für extrem ruhige und klare Luft sorgen. In der Gegend von La Serena, vierhundert Kilometer nördlich von Santiago, fand er schließlich den damals unbekannten Tololo. „Meinem Chef habe ich mitgeteilt, dass es sich lohnt, hier etwas größer zu denken – nicht nur ein einzelnes Fernrohr, sondern etwas ganz anderes.“ Das kleine Projekt der Universität von Chicago wurde schnell zu einer nationalen Großsternwarte der USA auf der Südhalbkugel. Die auf nur wenige Wochen angesetzte Forschungsreise entwickelte sich zur aufwändigen Expedition. Ich bin Jürgen Stock 1998 erstmals begegnet. Damals war ich Gast in einem Beobachtungscamp einer totalen Sonnenfinsternis in Venezuela, das seine Tochter Jeanette – auch eine Astronomin – organisiert hatte. Mir fiel ein älterer, schlaksiger Herr auf, der ständig von lokalen Journalisten umlagert war. Die Tochter schlug vor, dass ich mal mit ihrem Vater sprechen könnte, „weil der nicht ganz unwichtig für die Astronomie in Südamerika ist“. Das hanseatische Understatement wurde offensichtlich dominant vererbt. | | | | | Die Wiederentdeckung des Jürgen Stock | | | | | Im Trubel des Ereignisses kam es zu keinem längeren Gespräch – zum Glück. Denn es wäre zu peinlich gewesen, wenn mir erst dabei klar geworden wäre, wer da vor mir steht. Zurück zu Hause habe ich ein wenig recherchiert und war geschockt, Jürgen Stock bis dahin nicht gekannt zu haben. Wie es der Zufall wollte, besuchte er nur zwei Monate später seine Schwester Ulla in Hamburg. Stundenlang erzählte er mir von seinen Expeditionen und wie man am besten feststellt, ob ein Standort astronomisch etwas taugt. | | | | | | | | | | Ein Mann und sein Berg: Jürgen Stock mit Pfeife im Mund auf dem Gipfel von Tololo im Jahr 1962 und etwas später als Direktor des Observatoriums. Das linke Bild hängt inzwischen im Hauptgebäude der Sternwarte. (ESO, Familie Stock) | | | | | | Seine Sichtuntersuchungen in Chile bedeuteten, dass er Berge erreichen musste, die manchmal bis zu zwei Reittage von der nächstgelegenen Piste entfernt waren, die noch mit einem Jeep zu befahren war. Maultiere trugen Verpflegung, Ausrüstung und Teleskope auf die Gipfel – und auch das Heu, das sie selber brauchten. Es gab mehrere Teams, die verschiedene Berge inspizierten. Man überwachte Luftruhe, Transparenz, Bewölkungsgrad, Temperatur, Luftfeuchte, Windstärke etc. Nach einigen Wochen wurden die Standorte gewechselt, damit alle Teams überall mal beobachtet hatten. So lief das mehr als zwei Jahre lang. | | | | | | Pferde, Maultiere, Teleskope | | | | | | „Das war die schönste Zeit meines Lebens,“ erzählte mir Jürgen Stock herzlich lachend. „Es war kein Tag, wo man nicht mehrere Stunden im Sattel saß. Damals ging es einfach immer nur in die Berge hinein. Wurde das Wetter schlecht, wurde es für uns alle schlecht. Wurde das Wetter schön, war es für uns alle schön.“ Während der Expeditionen schrieb Jürgen Stock jeden Abend am Lagerfeuer die Begebenheiten des Tages und die Sichtbedingungen in ein kleines Ringbuch. Kam er beim Bergwechsel durch einen Ort mit Poststelle, riss er die Seiten heraus und schickte sie an Donald Shane (1895-1983) in Kalifornien, den damals führenden Astronomen für dieses Projekt. Stock wusste nicht, dass Shane die Briefe abtippen, vervielfältigen und an viele Institute in den USA schicken ließ. Anfangs waren die Berichte mit „Stock Report“ überschrieben. Weil man das im Englischen auch für einen Aktienbericht halten kann und die Texte manchmal direkt im Papierkorb landeten, wurde es bald der „Chile Site Testing Report by Jurgen Stock“, der Bericht über Testbeobachtungen in Chile von Jürgen Stock. Vor über 20 Jahren habe ich mich für ein Buchprojekt durch die rund 600 Seiten gearbeitet, die ich in der Bibliothek der Europäischen Südsternwarte ESO in Garching gefunden habe. Ein packendes Dokument der Astronomie-Geschichte! Man kann Donald Shane gar nicht dankbar genug sein. Stock schreibt vom Zusammenleben und -arbeiten während der Expeditionen, vom Heukauf für die Maultiere, die die Universität von Chicago angeschafft hatte, aber auch von der Trauer um seinen Hund Duque, der auf der Panamericana überfahren wurde. | | | | | | | | | | Im Juni 1963 waren europäische Astronomen zu Gast auf Cerro Pachón in der Nähe von Tololo. Ganz rechts sitzt Jürgen Stock, ganz links Arturo Garrote, einer seiner wichtigsten Mitarbeiter. Otto Heckmann (2.v.r.) und Jan Oort (5.v.r.) sind mit Krawatte in den Anden unterwegs. (ESO) | | | | | | Stocks Reise hat sich gelohnt – nicht nur für die Amerikaner, sondern ganz besonders für die Astronomie Europas: Denn Jürgen Stock hatte in Hamburg bei Otto Heckmann studiert, dem Gründungsdirektor der Europäischen Südsternwarte ESO – die Welt ist klein, auch in der Himmelskunde. Durch diesen persönlichen Kontakt wussten auch die europäischen Astronomen über die Entwicklung in Chile Bescheid. Die Europäer hatten sich in den 1950er Jahren in Südafrika nach einem geeigneten Teleskopstandort umgesehen und standen unmittelbar davor, sich dort niederzulassen. Der allgemeine Drang nach Süden hatte damit zu tun, dass von dort das Zentrum der Milchstraße und die Magellanschen Wolken, unsere kleinen Begleitgalaxien, gut zu beobachten sind. Im letzten Moment konnte auch die ESO auf das klimatisch noch viel bessere Chile umschwenken. | | | | | Erst Chile astronomisch entdeckt, dann ausgewiesen | | | | | Von einer Handvoll Berge wählten die Amerikaner schließlich den Tololo aus. Stock wurde der Gründungsdirektor des Cerro Tololo Interamerican Observatory. Als ein Bauunternehmen zwei Jahre für den Bau einer Straße auf den Gipfel ansetzte, übernahmen Jürgen Stock und sein Team das Sprengen und Planieren selbst – nach sechs Monaten war die Straße fertig. Als Europas Astronomen sich für den Berg La Silla etwas weiter nördlich entschieden, bemerkte der Niederländer Jan Oort in einem Brief an seine Kollegen: „Wir müssen immer bedenken, dass wir keinen Dr. Stock haben.“ Ritterschlag. Doch Chile dankte Jürgen Stock diesen Einsatz nicht. Nach dem Amtsantritt von Präsident Salvador Allende im Jahr 1970 wurden Arbeitsverträge mit Ausländern auf Eis gelegt – um zu klären, ob ihr Wirken für Chile wünschenswert sei. Stock musste mitsamt der Familie das Land verlassen. Bald nahm er ein Angebot aus Venezuela an, lebte drei Jahrzehnte in Mérida in den Anden und gründete auch dort eine Sternwarte. Bei der Ausreise aus Chile hinterließ er bei einem Nachbarn eine alte Munitionskiste voller glasgerahmter Diapositive seiner Expeditionen (für das jüngere Publikum: So machte man damals Fotos...). Die Kiste ist leider verschollen. Wie oft träume ich davon, diesen Schatz zu finden. | | | | | | | | | | Auch das ist eine Folge der Arbeit von Jürgen Stock: Auf Cerro Armazones in der Atcama-Wüste baut die Europäische Südsternwarte derzeit das Extremely Large Telescope ELT. Mit 39 (!) Metern Spiegeldurchmesser wird es das größte optische Teleskop der Welt. (ESO) | | | | | | Jürgen Stock und ich hatten geplant, gut vierzig Jahre später die wichtigsten Punkte seiner Expedition zu bereisen und nach noch vorhandenen Spuren zu suchen. Doch leider war sein Knochenkrebs schneller. Bei einem Besuch drei Wochen vor seinem Tod erzählte er noch im Krankenbett begeistert von der Zeit in Chile. Er war äußerst uneitel, aber dennoch froh, dass seine Leistung nicht ganz vergessen wird. Und er war tief verletzt, niemals aus Chile gehört zu haben, ob er nun dem Land genutzt habe oder nicht. Jürgen Stock steht in kaum einem Lexikon – wissenschaftlich epochale Entdeckungen sind ihm nicht gelungen. Doch er hat die Erforschung des Universums stärker beeinflusst als viele Nobelpreisträger: Die Astronomie verdankt ihm den Himmel auf Erden. Epilog 1: Im Jahr 2001 hatte Jürgen Stock gemeinsam mit seiner Tochter Beobachtungszeit an einem kleinen Teleskop auf Tololo bekommen. Dort begegnete man den Besuchern aus Venezuela zunächst mit reichlich Desinteresse. Viel zu spät realisierte man, dass der Gründungsdirektor zu Gast war. Das 4-Meter-Teleskop auf Tololo heißt nach Victor Blanco (1918-2011), dem zweiten Direktor des Observatoriums. Nach Jürgen Stock heißt dort – nichts. Aufwachen! Epilog 2: 2019 hat ein sieben Kilometer großer Asteroid den hellsten Stern am Nachthimmel, Sirius, bedeckt. Für nicht einmal zwei Sekunden wurde das funkelnde Gestirn ausgeknipst. Bedeckungen heller Sterne sind sehr selten – solche von Sirius extrem selten. Wie heißt der Kleinplanet, der das vollbrachte? (4388) Jurgenstock. Ein Wink des Himmels. | | | | | | | | | | | Dirk Lorenzen berichtet seit mehr als 30 Jahren über Astronomie und Raumfahrt. Die Begegnungen mit Jürgen Stock zählen zu den schönsten Momenten seines Berufslebens. Zum Stock-Kalenderblatt vor zwei Jahren (unten bei den Hörtipps) sagte ESO-Wissenschaftsdirektor Bruno Leibundgut: „Es ist gut, dass Sie dieses Kalenderblatt machen.“ | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Der Beobachtungstipp | | | | | | | | | | | | | | | | Am 19. April 2026, dem 22. Todestag von Jürgen Stock, steht die hauchdünne Mondsichel oberhalb der Venus am abendlichen Westhimmel – knapp unterhalb des Mondes funkeln die Sterne der Plejaden. Ein betörend schöner Anblick, der dem astronomischen Entdecker Chiles gefallen hätte. Die Venus ist derzeit jeden Abend zu sehen – auch ohne Mond. (Stellarium) | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Das tägliche Stück vom Himmel | | | | | | | | | | | | Begeistern Sie Filme wie „Der Astronaut“, „Der Marsianer“ oder „2001 – Odyssee im Weltraum“? Darf es auch etwas Historisches sein? Science-Fiction ist keineswegs ein modernes Phänomen. Schon vor vierhundert Jahren verfasste Johannes Kepler aus Weil der Stadt seinen wissenschaftlich erstaunlich korrekten Mondtraum – träumen Sie mit in der Sternzeit vom 4. April! | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Fantasie-Reise: Der Mondtraum des Johannes Kepler | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Sie wollen täglich ein Stück vom Himmel hören? Dann abonnieren Sie hier die Sternzeit in der Deutschlandfunk App. | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Artemis ist in der griechischen Mythologie die Schwester von Apollo. Und mit dem Artemis-Programm möchten die USA zum Mond zurückkehren. Doch was gibt es dort zu holen? Und wer beteiligt sich am Wettrennen um die besten Claims auf dem Erdtrabanten? Davon erzählt das Feature "Guter Mond - Wer baut da oben das Dorf?".
Vor über fünfzig Jahren, als Apollo 11 erstmals Menschen zum Mond brachte, war das Radio auch schon mit dabei. Ein einzigartiges Zeitdokument. | | | | | | | | | | | | | Astro-Pionier Jürgen Stock | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Guter Mond - Wer baut da oben das Dorf? | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | 1969 - Mondlandung live im Radio | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Ihnen gefällt dieser Newsletter? | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Mr. Sternzeit – Der Deutschlandfunk Weltraum-Newsletter | | | | | | © Deutschlandradio Körperschaft des öffentlichen Rechts
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