| | | | | | | 11. März 2026 - Ausgabe 23 | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Dirk Lorenzen Astrophysiker, Autor der Sternzeit | | | | | | | | | Liebe Leserinnen und Leser, liebe Weltraumfans, ein kosmischer Brocken kreuzt seit Milliarden Jahren um die Sonne, vorbei an Planeten, Asteroiden und Kometen. Dann, Sonntag um 18.55 h MEZ, ist er zur falschen Zeit am falschen Ort. Die Erde kommt ihm in die Quere. Mit einem Tempo von mindestens 35.000 Kilometern pro Stunde trifft er über Nordfrankreich auf die Atmosphäre. Er glüht auf, zieht eine Feuerspur hinter sich her und zerplatzt. Dann prasseln die Reste auf den Erdboden – mindestens ein Trümmerteil durchschlägt ein Hausdach in Koblenz. Der Vorfall zeigt: Jederzeit kann uns der Himmel auf den Kopf fallen. Der Kosmos ist schön, aber auch gefährlich. Vor den schlimmsten Treffern könnte sich die Menschheit schützen. Aber schafft sie das? | | | | | | | | | | Eine besonders helle Sternschnuppe über der Teleskopanlage ALMA in der chilenischen Atacama-Wüste. So etwas ist fast immer ebenso hübsch wie harmlos – aber von manchen Feuerkugeln erreichen Trümmer die Erdoberfläche. (ALMA/ESO) | | | | | | Was Sonntagabend für ein spektakuläres Himmelsschauspiel sorgte, war letztlich eine sehr helle Sternschnuppe. Was uns in klarer Nacht verzückt und einen Wunsch frei haben lässt, entsteht meist durch kleine Partikel, kaum größer als eine Erbse. So etwas ist vollkommen harmlos. Pro Tag fegt die Erde mehr als zehn Tonnen kosmisches Material auf, das meiste in Form von Staub. In der Regel fällt uns der Himmel nicht auf den Kopf, er rieselt. Doch immer wieder verirren sich auch größere Brocken Richtung Erde. Der Koblenz-Meteorit war ursprünglich etwas mehr als einen Meter groß, schätzen Fachleute der ESA. Dass Meteoriten auf die Erdoberfläche stürzen, ist keineswegs selten. Vermutlich einmal pro Stunde schaffen es Trümmer bis zum Boden. Das geschieht fast immer völlig unbemerkt. Die Brocken fallen ins Meer, irgendwo in Wüsten etc. Ganz selten treffen sie bewohnte Gebiete. Dann kann es ungemütlich werden. | | | | | 2013 knapp an der Katastrophe vorbei | | | | | Am 15. Februar 2013 schießt ein knapp 20 Meter großer Asteroid über den Himmel nahe der russischen Millionenstadt Tscheljabinsk. Er explodiert in rund 20 Kilometern Höhe. Eine gewaltige Druckwelle schleudert Passanten zu Boden, lässt Fensterscheiben bersten und marode Mauern einstürzen. Mehr als 1000 Menschen werden von umherfliegenden Glassplittern verletzt. Die himmlische Dramaturgie hätte an jenem Tag nicht gespenstischer sein können. Gebannt wartete die Fachwelt auf den lange prognostizierten Vorbeiflug eines anderen, mit 40 Metern größeren Asteroiden namens 2012 DA14. Er sollte in nur 30.000 Kilometern Abstand passieren, also noch unterhalb der Satelliten in der geostationären Umlaufbahn. Doch dann traf nur Stunden vorher völlig überraschend ein anderer Brocken die Erde – und zeigte, wie verwundbar unser Planet ist. Wäre der Asteroid von Tscheljabinsk in einem steileren Winkel in die Atmosphäre eingedrungen und hätte er mehr Metalle enthalten, so hätte er die Region wohl komplett zerstört. Am 18. Dezember 2018 kracht ein Asteroid – gut zehn Meter groß und etwa 1400 Tonnen schwer – in die Beringsee vor Alaska. Sensoren zur Überwachung von Atomwaffentests registrieren die Druckwelle noch in Tausenden Kilometern Abstand. Später findet ein kanadischer Forscher auf Bildern eines japanischen Wettersatelliten sogar die Rauchspur des einschlagenden Asteroiden. Hätte eines dieser Objekte am Sonntag Kurs auf Koblenz genommen, so hätte dies schreckliche Folgen gehabt. | | | | | | | | | | Das wäre heute tödlich: Der Meteor Crater in Arizona (1,2 Kilometer Durchmesser) ist vor rund 50.000 Jahren durch den Einschlag eines nur etwa 40 Meter großen Eisenmeteoriten entstanden. Vor Jahren hat mich die Wanderung einmal um den Kraterrand herum sehr beeindruckt. (USGS) | | | | | | | Lückenhafte Himmelsüberwachung | | | | | | Sowohl in Tscheljabinsk als auch in Koblenz kamen die Treffer buchstäblich aus heiterem Himmel. Es sind mitnichten alle Objekte erfasst, die durch das Planetensystem ziehen. Nähern sich die einschlagenden Körper grob aus Richtung Sonne, so bleiben sie den vielen Überwachungsprogrammen verborgen: Optische Teleskope können nur den dunklen Nachthimmel beobachten. Mehr als 1,5 Millionen Asteroiden sind bisher bekannt – und die Zahl steigt weiter rasant. Aber kleine Brocken von zehn, 20 oder 40 Metern Durchmesser sind nur zu sehen, wenn sie der Erde recht nah sind. Sie verraten sich meist dadurch, dass sie sich schnell vor dem Hintergrund der Sterne bewegen. In den letzten Jahren ließ sich einige Male die Kollision mit metergroßen Brocken wenige Stunden vor dem Einschlag vorhersagen. | | | | | | Enge Passage am 14. April | | | | | Bei bekannten Objekten lassen sich enge Begegnungen gut vorausberechnen. So wird am Abend des 14. April 2026 der Asteroid 2013 GM3 an der Erde vorbeiziehen – in nur 250.000 Kilometern Abstand. Der 15 bis 30 Meter große Brocken (genauere Schätzungen sind bisher nicht möglich) kommt uns also deutlich näher als der Mond. Gefahr droht erst einmal keine. 1924 Asteroiden verzeichnet die ESA derzeit in ihrer Risiko-Liste. Das sind Objekte, die die Erde irgendwann treffen könnten. Sehr ernste Gefahr ist im Moment nicht absehbar. Der aktuell wahrscheinlichste Treffer (Chance 1 zu 150) ist der eines 10-Meter-Objekts am 24. November 2104. Aber Vorsicht: Das Feld ist hoch dynamisch. Ständig tauchen neue Entdeckungen in der Liste auf. Dafür verschwinden Asteroiden, wenn verbesserte Bahnbestimmungen eine künftige Kollision ausschließen. Als es im Dlf-Weltraum-Newsletter im vergangenen Sommer schon einmal um die Gefahr aus dem All ging, hatte die Risiko-Liste noch 130 Einträge weniger... | | | | | | Einschlag bei Passau – zum Glück nur im Planspiel | | | | | | Alle zwei Jahre kommen Fachleute aus Raumfahrt, Forschung und Behörden zusammen, um auf der „Planetary Defense Conference“ durchzuspielen, was im Falle eines drohenden Einschlags zu tun wäre. Bei wenigen Stunden Vorwarnzeit kann man wohl nur stoisch abwarten. Dagegen könnte man bei etlichen Monaten versuchen, gefährdete Regionen zu evakuieren – und bei vielen Jahren Vorlauf wäre sogar ein Ablenken des Asteroiden möglich. | | | | | | | | | | Zum Glück nur eine Simulation: Das vom Einschlag eines 100-Meter-Asteroiden betroffene Gebiet – in der roten Zone ist ein Überleben unmöglich, auch die orangefarbene wird völlig verwüstet. Die äußeren Ringe sind Regionen mit sehr schweren und ernsten Schäden. (Planetary Defense Conference 2021) | | | | | | 2021 ging es im Planspiel der Konferenz um einen rund 100 Meter großen Asteroiden, der bei Passau einschlägt: Der fiktive Asteroid ist bei der „Entdeckung“ fast 60 Millionen Kilometer entfernt. Erste Berechnungen zeigen, dass er der Erde sehr nahekommt. Nach einer Woche und mehr Bahndaten beträgt das Risiko des Einschlags fünf Prozent. Da hätte man der Öffentlichkeit mitgeteilt, dass ein Asteroid sechs Monate später die Erde treffen könnte. Mit präzisen Beobachtungen vieler Großteleskope ist Tage später klar, dass das Objekt die Erde treffen wird. Anfangs weiß man lediglich, welche Erdhälfte getroffen wird: Europa und Afrika sind gefährdet, Asien und der Pazifik kommen davon. Der Gefahrenbereich wird immer kleiner, anfangs ist es ein lang gestrecktes Gebiet von Norwegen bis Ägypten – das schrumpft schließlich auf das Grenzgebiet Tschechien, Österreich, Deutschland zusammen. | | | | | Gewissheit erst kurz vor dem Einschlag | | | | | Tage vor dem Treffer sorgen Radarbeobachtungen für Klarheit: Der 100-Meter-Brocken wird mit 34.000 Kilometern pro Stunde nordöstlich von Passau die Erde treffen. Wie verheerend so ein Einschlag ist, hängt davon ab, ob der Asteroid eher locker aufgebaut (Konsistenz ähnlich einem Mürbeteigkeks) oder ein sehr massiver Körper (festes Gestein, viel Metall) ist. So oder so: In rund 50 Kilometer Umkreis wäre alles verwüstet. Bis in 150 Kilometer Umkreis gäbe es sehr schwere Schäden – das ist im Planspiel ein Gebiet, das sich von Prag bis Berchtesgaden erstreckt. Dieses Gebiet binnen nur weniger Tage Vorwarnzeit zu evakuieren, ist unmöglich. So ein Einschlag hätte also schreckliche Folgen. | | | | | Ablenken, nicht zerstören! | | | | | Liegt die Vorwarnzeit nicht bei wenigen Monaten, sondern bei etlichen Jahren (am besten Jahrzehnten), dann wäre die Verteidigung unseres Planeten möglich. Die Zauberformel lautet: Ablenken, nicht abschießen. Martialische Methoden wie der Einsatz von Kernwaffen mögen in Hollywood-Filmen beliebte Stilmittel sein. Doch es bringt wenig, einen Asteroiden zu zerstören – im schlimmsten Fall wäre die Erde dann einer ganzen Schrotladung ausgesetzt. Der klügere Weg ist, eine Raumsonde auf den Weg zu schicken und das potenziell gefährliche Objekt von seiner todbringenden Bahn abzulenken. Das wurde sogar schon erprobt: Die NASA-Sonden DEEP IMPACT und DART haben einen Kometen und einen Asteroiden gerammt. Dabei verändert sich die Bahn der Körper minimal. Danach wird die Abweichung vom ursprünglichen Kurs langsam aber stetig immer größer. Im entscheidenden Moment verschmäht der potentielle Störenfried die Erde und zieht an ihr vorbei. | | | | | | | | | | Gleich kracht's: Die NASA-Sonde DART kurz vor dem Einschlag in den Asteroidenmond Dimorphos (Illustration). Bei dieser Mission wurde das Verfahren für eine Rettung der Erde getestet. (JHU/NASA) | | | | | | Entscheidend ist, dass man lange im Voraus tätig wird. Das Vera Rubin-Observatorium in Chile erfasst bei seiner Himmelsüberwachung immer mehr Asteroiden – auch den fiktiven „Passau-Killer“ hätte das Instrument entdeckt. Doch es bleiben mindestens zwei Fragen: Ab welcher Größe sollte man einen Asteroiden ablenken? Und wer entscheidet das? Asteroiden mit mehr als einem Kilometer Durchmesser könnten ganze Kontinente in Schutt und Asche legen. Jenseits von fünf Kilometern Durchmesser droht eine globale Katastrophe. Das Komitee der Vereinten Nationen für die friedliche Nutzung des Weltraums berät über ein Verfahren, wie sich die Menschheit dann retten ließe. So ein Entscheidungsprozess wird schnell hoch politisch. | | | | | Erde retten? Oder lieber untergehen? | | | | | Würde die Staatengemeinschaft einen Einschlag etwa im globalen Süden eher hinnehmen als einen in Florida? Eine garstige Frage, ich weiß. Was geschieht, wenn nur Länder gefährdet sind, die keine eigenen Raumfahrtprogramme haben? Wer bezahlt dann für so eine Mission? Wird es „Blauhelm-Sonden“ der UNO geben, die ausschwärmen, um unseren Planeten zu schützen? Diese Fragen werden in den nächsten Jahren immer drängender. Bei den vielen Asteroiden-Entdeckungen werden auch mal Objekte dabei sein, die mit der Erde kollidieren könnten. Die Frage ist nicht, ob die Erde wieder getroffen wird, sondern nur, wann das geschieht. „Die Dinosaurier sind ausgestorben, weil sie kein Raumfahrtprogramm hatten“, schrieb einst der Science-Fiction-Autor Larry Niven. Vielleicht stirbt die Menschheit einmal aus, weil sie sich – trotz ihres Raumfahrtprogramms – nicht entschließen kann, ihre Rettung anzugehen. | | | | | | | | | | | Dirk Lorenzen berichtet seit mehr als 30 Jahren über Astronomie und Raumfahrt. Er freut sich über jede Sternschnuppe, die er in klarer Nacht zu sehen bekommt. Dass irgendwann ein Asteroid die Erde treffen könnte, macht ihm keine Angst. | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Der Beobachtungstipp | | | | | | | | | | | | | | | | Venus ist wieder da! Unser innerer Nachbarplanet hat seine Saison als Abendstern begonnen. Jeden Tag strahlt die Venus etwa eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang am Westhimmel. Manche halten sie zunächst für ein Flugzeug mit eingeschalteten Landescheinwerfern. Am Abend das 20. März (hier dargestellt) steht die hauchdünne Mondsichel ganz in der Nähe – betörend schön. (Stellarium) | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Das tägliche Stück vom Himmel | | | | | | | | | | | | In der deutschen Raumfahrt haben es Frauen so schwer wie in keinem anderen Raumfahrtland. Vor einem Jahr war die Ingenieurin Rabea Rogge im Rahmen einer kurzen Privatmission als erste deutsche Frau im Weltraum. Die zwölf deutschen Profiastronauten, die seit 1978 im All waren, sind aber alle Männer. Dass es auch anders geht, zeigt derzeit Frankreich. Sophie Adenot verbringt ein dreiviertel Jahr auf der Raumstation, erklärt die Sternzeit vom 8. März, dem Internationalen Frauentag. | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Sophie Adenot - die zweite Französin im Weltraum | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Sie wollen täglich ein Stück vom Himmel hören? Dann abonnieren Sie hier die Sternzeit in der Deutschlandfunk App. | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Was für eine Aufregung am Sonntagabend, als der Meteorit ausgerechnet in Koblenz ein Hausdach traf! Da denkt man doch direkt an Selbstverteidigung. Vor gut drei Jahren hat die NASA einen ersten Versuch zur Asteroidenabwehr unternommen, und wir waren live dabei. Na ja, nicht live vor Ort, aber mit dem tollen Feature "Armageddon für Anfänger". Falls Sie noch nicht so richtig verstanden haben, warum man einen heranrasenden Asteroiden besser nicht vom Himmel bombt, dann ist das unsere unbedingte Hörempfehlung! | | | | | | | | | | | | | Armageddon für Anfänger - Wie entschärft man einen Asteroiden? | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Dirk Lorenzen im Kollegengespräch über den Meteoriteneinschlag von Koblenz | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Ihnen gefällt dieser Newsletter? | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Mr. Sternzeit – Der Deutschlandfunk Weltraum-Newsletter | | | | | | © Deutschlandradio Körperschaft des öffentlichen Rechts
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