| | | | | | | 25. März 2026 - Ausgabe 24 | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Dirk Lorenzen Astrophysiker, Autor der Sternzeit | | | | | | | | | Liebe Leserinnen und Leser, liebe Weltraumfans, die Rakete für die Artemis-2-Mission steht auf der Startrampe in Cape Canaveral. Geht alles glatt, fliegen kommende Woche erstmals seit 1972 wieder Menschen Richtung Mond. Mit Apollo hatten die USA den Wettlauf zum Mond gegen die Sowjetunion gewonnen. Bei der Rückkehr zum Mond ein halbes Jahrhundert später ist China der Gegner. NASA-Chef Jared Isaacman richtet gerade das bisher reichlich konfuse Mondprogramm neu aus. Dieses Raumfahrt-Erdbeben ist der verzweifelte Versuch zu retten, was kaum noch zu retten ist. Aus heutiger Sicht dürfte der 13. Mensch auf der Mondoberfläche (nach den zwölf Apollo-Astronauten) nicht aus den USA kommen, sondern aus China. | | | | | | | | | | Das Ziel ist gut zu sehen, aber der Weg ist weit: Die SLS-Rakete mit dem Orion-Raumschiff (gebaut von NASA und ESA) steht im Schein des Vollmonds auf der Startrampe. (NASA) | | | | | | Mit Hoffen und Bangen blicken NASA-Management und manche Raumfahrtfans auf das Space Launch System (SLS). Das „Weltraumstartsystem“ ist die riesige Rakete (gebaut von traditionellen Raumfahrtfirmen wie Boeing und Northrop Grumman), die Artemis-2 zum Mond schicken soll. Im Februar stoppte eine defekte Treibstoffleitung den Start, Anfang März verhinderten Probleme in einem Helium-Kreislauf das Abheben. Mit dem Raumschiff Orion an der Spitze der Rakete sollen eine Frau und drei Männer in einem großen Bogen um den Mond herumfliegen und nach zehn Tagen wieder im Pazifik landen. Eine Landung auf dem Mond ist bisher nicht möglich – und genau das hält die NASA aktuell für ihr Hauptproblem. | | | | | China erprobt seine Landefähre | | | | | Ganz anders in China: Dort hat im August die Mondlandefähre Lanyue entscheidende Tests absolviert. Sie hing in einer speziellen Vorrichtung, mit der sich die geringere Schwerkraft auf dem Mond simulieren lässt. Lanyue zündete die Bremstriebwerke zur Landung und probte auch den Rückstart zur Erde. Keine zwei Wochen später glückten zudem Brenntests der Mondrakete Langer Marsch 10. Kurz: China scheint auf sehr gutem Weg zu sein, „vor 2030“ Menschen auf den Mond zu bringen – wie man seit Jahren verkündet. Ob dieser Erfolge geht der NASA – Pardon, als Rampensau darf ich dieses schlimme Wortspiel nicht liegen lassen – ziemlich die Düse, allerdings eben nicht die eines Mondtriebwerks. Der neue NASA-Boss zieht die Notbremse und krempelt das Artemis-Konzept kräftig um. Der bisherige Ansatz setzte auf viel zu viele neue Komponenten, über die sich zwar die Industrie freut, die sich in der gebotenen Eile aber gar nicht realisieren lassen. Er war viel zu kompliziert und fehleranfällig. Der US-Rechnungshof und NASA-Kontrollgremien wiesen in den vergangenen Jahren immer wieder auf unwägbare Risiken hin – technisch wie finanziell. Das blieb ohne nennenswerte Folgen. Erst jetzt ist allen klar: So wird man China nicht zuvorkommen. | | | | | | Mondtest lieber erst in der Erdumlaufbahn | | | | | | Nach ursprünglicher Planung sollte bereits die Mission Artemis-3 im Jahr 2027 Menschen auf die Mondoberfläche bringen. Das klang gut, war aber von Anfang an ein Hirngespinst (und erst recht das einst verkündete Landejahr 2024!). Jetzt setzt die NASA bei Artemis-3 im kommenden Jahr auf Kopplungstests in der Erdumlaufbahn (und nicht am Mond). Das Orion-Raumschiff zieht um die Erde und koppelt entweder an das Human Landing System (HLS) von SpaceX oder die Landefähre Blue Moon des Unternehmens Blue Origin an, im besten Fall an beide. | | | | | | | | | | Noch hängt Lanyue an Seilen, um das Landen und Starten auf dem Mond zu testen. In spätestens vier Jahren dürfte es für die Landefähre ernst werden: Dann soll sie Menschen auf den Mond bringen. (CMSA) | | | | | | Doch beide Landeeinheiten sind noch längst nicht fertig. Die Erwartung, diese Tests könnten bereits im kommenden Jahr erfolgen, ist eher kühn. So ist das HLS von SpaceX eine Variante der geplanten Riesenrakete Starship. Mit der gab es zwar schon einige Tests, aber noch nie hat sie die Erdumlaufbahn erreicht. Erst wenn das zur völligen Routine geworden ist (mit am besten mehreren Starts pro Woche!), kann eine noch zu bauende Mondvariante Menschen transportieren. Geht es nach Jared Isaacman, sollen 2028 gleich bei zwei Missionen Menschen auf den Mond gelangen. Eine zu Jahresbeginn, eine kurz vor Weihnachten. Um keine Zeit zu verlieren, soll die Großrakete SLS nicht mehr weiterentwickelt, sondern nur in der aktuellen Grundkonfiguration geflogen werden. So möchte man zu mehr Routine im Betrieb kommen und statt – wie bisher geplant – alle zwölf Monate nun alle zehn Monate starten. Die NASA versucht, sich mit Hängen und Würgen vor China auf den Mond zu schleppen. | | | | | | Zwanzigmal tanken für den Mond | | | | | | Ziemlich interessant (um das Wort abstrus zu vermeiden) ist das Konzept für den Mondlander. Das HLS von SpaceX muss für den Flug zum Mond in der Erdumlaufbahn aufgetankt werden. Dazu sind, kein Witz, bis zu 20 (!) Tankflüge nötig. Ein Starship-Tanker fliegt ins All, pumpt den Treibstoff um (am Rande bemerkt: technisches Neuland) – und nur wenige Tage später folgt der nächste. Übrigens kommen flüssiges Methan und Sauerstoff zum Einsatz. Diese extrem kalten Stoffe verdampfen in der Hitze des Alls allmählich. Zuviel Zeit darf man sich mit dem Betanken also nicht lassen. Dass so viele Tankflüge nötig sind, liegt am „Grundproblem“ der Raumfahrt. Um der Anziehungskraft der Erde zu entfliehen, besteht eine Rakete beim Start zu rund 90 Prozent aus Treibstoff, der binnen weniger Minuten verbrannt wird. Die Nutzlast (Satellit, Raumschiff etc.) macht keine drei Prozent der Startmasse einer Rakete aus! Auch eine Tankrakete braucht also enorm viel Treibstoff, um ein bisschen Methan und Sauerstoff in die Umlaufbahn zu hieven. | | | | | | | | | | Musk-Tower auf dem Mond: Maßstäblicher Vergleich der Apollo-Landefähre (links) mit Blue Moon (Mitte) und dem Starship Lander HLS (rechts). Je kompakter ein Landefahrzeug gebaut ist, desto einfacher ist das Aufsetzen. (NASA OIG) | | | | | | Nächste Kuriosität: Das HLS ist rund 50 Meter hoch. Auf etwas geneigtem Terrain, wie es in der für die Landung auf dem Mond angepeilten gebirgigen Region rund um den Südpol häufig vorkommt, kippt so etwas schnell mal um. Wenn das HLS auf dem Mond steht, soll – auch das kein Witz! – ein Fahrstuhl außen am Raumschiff die Besatzung vom 10. Stock ins lunare Erdgeschoss bringen. Ein NASA-Kontrollbüro sieht in dieser Technik ein erhebliches Risiko. Was passiert, wenn der Fahrstuhl zwar nach unten fährt, dann aber defekt ist? Dann stehen zwei Menschen vor einer riesigen Rakete, kommen aber nicht rein. Ihnen ergeht es wie Seglern, die auf hoher See übermütig ins Meer springen, aber vergessen haben, eine Badeleiter einzuhängen, um die Bordwand zu überwinden. Ihr Schicksal ist besiegelt. | | | | | Die einen umarmen den Mond, die anderen Elon Musk | | | | | Warum man so ein Riesenschaumschiff für zwei Personen nimmt? Vereinfacht gesagt: Weil SpaceX es herstellt. Weil Elon Musk sein Starship (das, wenn es denn mal fliegt, tatsächlich eine Raumfahrt-Revolution sein wird) für eine eierlegende Wollmilchsau hält, die für alles geeignet ist. Aber es ist so, als würde man mit einem Containerschiff zwei Personen nach Helgoland schippern. Bisher hatte Elon Musk den Mond wohl nur als ungeliebtes und letztlich unnötiges Zwischenziel auf dem Weg zum Mars angesehen. Kürzlich schwor er offiziell dem Mars erst einmal ab und gelobte, den Mond ernster zu nehmen – der politische China-Druck aus dem Weißen Haus lässt grüßen. Der chinesische Lander ist übrigens eine Art Apollo-Kopie, klein und kompakt. Sein Name Lanyue bedeutet „den Mond umarmen“. So geht es auch.
Ein völliges Mysterium im bisherigen Artemis-Programm ist das Lunar Gateway, eine geplante Raumstation in der Mondumlaufbahn, gebaut von den USA, Europa, Japan, Kanada und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Das Gateway ist (war?) als Zwischenstopp auf dem Weg zum Mond oder weiter hinaus ins All vorgesehen. Dort soll Orion ankoppeln – und von dort steigen die Mondfähren hinab zur Oberfläche. Mir hat sich nie erschlossen, wozu dieser Komplex gebraucht wird, wenn die ersten Landungen auch ohne das Gateway ablaufen sollen. Die USA und China setzen auf dauerhaft besetzte Basen nahe dem Mondsüdpol – und nicht in der Umlaufbahn. Bei der Verkündung der Artemis-Umstrukturierung äußerte sich Jared Isaacman nicht zum Gateway. Das dröhnende Schweigen endete gestern: In einem langen Statement betont die NASA, wie wichtig eine Basis auf der Oberfläche ist. Dafür räumt man alle „unnötigen Hindernisse aus dem Weg, die den Fortschritt behindern“. Offenbar zählt man das Lunar Gateway dazu. Jedenfalls wird in einem kurzen Satz nur kühl verkündet, dass das Gateway erst einmal „pausiert“ – ein Begräbnis zweiter Klasse. Zudem feiert sich die NASA für ihre Arbeitskräfte, deren Können man nun „entfesseln“ will – unerwähnt bleibt, dass man im letzten Jahr ein Viertel der Belegschaft vergrault und viel Kompetenz eingebüßt hat. Mond, wir hätten kommen können! | | | | | | | | | | Eine schöne Zeichnung, aber womöglich nur ein lunarer Traum: Ob das Gateway tatsächlich gebaut wird, steht in den Sternen. Rechts ist das angedockte Raumschiff Orion zu sehen, das Menschen zur Mini-Raumstation bringen soll. (ESA) | | | | | | Das Lunar Gateway vor dem Aus? | | | | | Europas Weltraumorganisation ESA, die bereits Module bauen lässt, macht derweil gute Miene zum bösen Spiel. Am Donnerstag letzter Woche hat sie allen Ernstes eine Konstruktionszeichnung des Lunar Gateway veröffentlicht. Im Begleittext zum Pressebild steht, dass die Mini-Raumstation „in diesem Jahrzehnt aufgebaut wird“. Woanders heißt so etwas Kabarett und kostet Eintritt. Der Konstruktionsplan ist womöglich nur ein schönes Bild für ein Raumfahrtmuseum. Derweil zieht China ungerührt sein beeindruckend konsequent geplantes Mondprogramm durch. Scheinbar mühelos gelingt Schritt um Schritt: Erst landete eine Chang'e-Sonde (benannt nach einer mythischen Mondfee) auf der Vorderseite des Mondes, dann auf der Rückseite. Später holte eine Sonde Proben von der Vorder-, eine andere von der Rückseite. Das hat noch keine andere Raumfahrtmacht vollbracht. Im Spätsommer dieses Jahres soll die robotische Sonde Chang'e 7 nahe dem Mondsüdpol landen – mutmaßlich an einer Stelle, die die USA als möglichen Platz für die erste astronautische Landung ausgeguckt haben. Nach geglücktem Aufsetzen dürfte das Aufheulen der US-Verantwortlichen bis zu uns zu hören sein. Auch der aktuelle Mond-Zeitplan der NASA ist ein Pfeifen im Wald, geprägt von politischem Wunschdenken. Erst wenn die anstehende Artemis-2-Mission erfolgreich absolviert ist und das Starship endlich im Routinebetrieb ins All fliegt, lässt sich abschätzen, bis wann die USA Menschen auf den Mond bringen könnten. Wenn dann tatsächlich das HLS senkrecht zum Stehen kommt und die US-Astronauten den Fahrstuhl nach unten nehmen, könnte es sehr lustig werden. Die Türen öffnen sich und die Kolleginnen und Kollegen aus dem Reich der Mitte rufen freudestrahlend: Welcome to the Moon! | | | | | | | | | | | Dirk Lorenzen berichtet seit mehr als 30 Jahren über Astronomie und Raumfahrt. Über die großen Pläne von Mondstationen schüttelt er den Kopf. Für ihn gibt es keine überzeugenden wissenschaftlichen Gründe, Menschen zum Mond zu schicken – schon gar nicht dauerhaft. | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Der Beobachtungstipp | | | | | | | | | | | | | | | | Dass der mythische Weihnachtsstern keinen astronomischen Hintergrund hat, habe ich hier aufgeschrieben. Als Ausgleich gibt es nun einen Osterkometen! Am 4. April (Ostersamstag) gegen 16.24 Uhr MESZ schrammt Komet MAPS in einer Entfernung von nur 160.000 Kilometern an der Sonne vorbei. Vermutlich löst sich der rund 400 Meter große Eis- und Staubbrocken in der Hitze völlig auf. Aber mit etwas Glück entwickelt er einen langen Schweif, der am 4. und 5. April direkt nach Sonnenuntergang tief am Westhimmel zu sehen wäre. In jedem Fall lässt sich die Annäherung von Komet MAPS an die Sonne mit dem Satelliten SOHO verfolgen. Dessen LASCO-Kamera zeigt nahezu in Echtzeit die Umgebung der Sonne. Die Sonne selbst (Position mit weißem Kreis markiert) ist abgedeckt, damit sie nicht alles überstrahlt – der Kometenkopf bleibt während der engsten Passage hinter der Blende verborgen, aber ein heller Schweif wäre trotzdem zu erkennen. Vielleicht ist vom 2. bis 5. April etwas ähnliches zu sehen wie beim Vorbeiflug des Kometen SOHO am 9. Oktober 2024. (NASA/ESA) | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Das tägliche Stück vom Himmel | | | | | | | | | | | | Beatrice Tinsley hat die Entwicklung von Galaxien erforscht. Sie war eine herausragende Astronomin – und hat doch ihr (leider sehr kurzes) Leben lang um Anerkennung kämpfen müssen. Sie starb 1981 und ist heute praktisch vergessen. Immerhin: Die New York Times widmete ihr vor einigen Jahren einen hymnischen Nachruf in der Rubrik „Nicht mehr übersehen“. Die berührende Geschichte der Beatrice Tinsley erzählt die Sternzeit vom 23. März. | | | | | | | | | | | | | | | | | | Top-Astronomin: Beatrice Tinsley, die Galaxien und das Vergessen | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Sie wollen täglich ein Stück vom Himmel hören? Dann abonnieren Sie hier die Sternzeit in der Deutschlandfunk App. | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Einer der tatsächlich im Rahmen des NASA-Artemis-Programms seinen Stiefelabdruck auf dem Mond hinterlassen könnte, ist Alexander Gerst. Der deutsche Astronaut hat sich Ende letzten Jahres im Deutschlandfunk zur Mondmission geäußert. Passend dazu die Frage: Werden auch Reisen zu anderen Sternensystemen in Zukunft möglich? Und: Ein wissenschaftlicher Check des gerade in den Kinos angelaufenen Weltraumabenteuers "Der Astronaut" mit Ryan Gosling auf interstellarer Mission. Viel Spaß beim Hören wünscht die Redaktion! | | | | | | | | | | | | | Interview Alexander Gerst - Ein Deutscher über dem Mond? | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Raumfahrt – Werden interstellare Reisen in Zukunft möglich? | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | "Der Astronaut": Herziges Weltraum-Abenteuer, nicht mehr | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Ihnen gefällt dieser Newsletter? | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Mr. Sternzeit – Der Deutschlandfunk Weltraum-Newsletter | | | | | | © Deutschlandradio Körperschaft des öffentlichen Rechts
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