| | | | | | | 12. Februar 2026 - Ausgabe 21 | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Dirk Lorenzen Astrophysiker, Autor der Sternzeit | | | | | | | | | Liebe Leserinnen und Leser, liebe Weltraumfans, das James-Webb-Weltraumteleskop hat eine Supernova-Explosion beobachtet, die sich nur 730 Millionen Jahre nach dem Urknall ereignet hat – neuer Rekord! Nie zuvor ließ sich ein einzelner Stern so früh in der kosmischen Geschichte (oder: so weit entfernt) erfassen. Vor einer „Ewigkeit“ ist ein massereicher Stern explodiert, dessen Lichtblitz uns erst jetzt erreicht hat. Supernova-Explosionen sind buchstäblich ein Geschenk des Himmels: Sie sind Leuchtfeuer in den Tiefen des Alls, sie ermöglichen die Vermessung des Universums und sie liefern chemische Stoffe für das Leben. Wir alle bestehen auch aus Supernova-Asche. | | | | | | | | | | Und es hat Zoom gemacht! Links schießen die Strahlungskegel des Gammablitzes ins All, rechts ist die folgende Supernova dargestellt (Illustration). Im Hintergrund sind Teile der Galaxie zu sehen, in der sich das Geschehen abspielt. (NASA, ESA, CSA, STScI, L. Hustak) | | | | | | Der Webb-Rekord begann mit einer Alarmmeldung: Am 14. März 2025 um 13:56:42 Uhr MEZ schlug ein Messgerät an Bord des chinesisch-französischen SVOM-Satelliten (Space Variable Object Monitor) an. Der hatte einen enormen Ausbruch an hochenergetischer Gammastrahlung registriert, der etwa zwanzig Sekunden andauerte. In dieser Zeit gab die zunächst unbekannte Quelle mehr Strahlung ab als unsere Sonne in ihrem gesamten Leben, das rund zehn Milliarden Jahre andauert! Gammastrahlenausbrüche sind die stärksten Explosionen im Universum seit dem Urknall. | | | | | Teleskop-Teamwork im All | | | | | Nur Stunden später erfassten Satelliten und Teleskope am Erdboden dieses Objekt auch im Röntgen- und Infrarotlicht sowie im sichtbaren Bereich. Messungen von Europas Very Large Telescope in Chile offenbarten die enorme Entfernung des Objekts: Das Licht war mehr als 13 Milliarden Jahre lang unterwegs gewesen. Nach gängiger Vorstellung hat es bei so einem Gammablitz einen Stern mit mindestens 30- bis 50-facher Sonnenmasse zerrissen. Der Brennstoff im Kern war verbraucht, der Fusionsofen ging plötzlich aus und der Stern stürzte unter seiner eigenen Schwerkraft zusammen. Die Gammastrahlung entsteht unmittelbar beim Kollaps und wird nur entlang enger Strahlungskegel abgegeben – in diesem Fall hatten wir Glück, dass ein Kegel genau in unsere Richtung zeigte. In der Milchstraße hätten wir die maximale Helligkeit der folgenden Supernova nach etwa zwei Wochen gesehen – bei dieser Explosion am Rande der Welt dauerte das mehr als drei Monate. Wegen der Ausdehnung des Universums (Rotverschiebung) findet dort draußen alles wie in Zeitlupe statt. | | | | | Der fernste je beobachtete Stern | | | | | Daher wurde James Webb erst am 1. Juli 2025 auf die Explosionsstelle im Sternbild Jungfrau gerichtet. Das Weltraumteleskop entdeckte tatsächlich das Leuchten der Supernova. Webb konnte einen einzelnen (!) Stern zu einer Zeit erfassen, als das Universum erst fünf Prozent seines heutigen Alters hatte. Der bisherige Rekord lag bei 13 Prozent. Zudem registrierte das Instrument auch das schwache Licht der Galaxie, in der sich die Explosion ereignet hat – offenbar ist es eine ganz normale kleine Galaxie, wie es damals viele gab. | | | | | | | | | Licht vom Rande der Welt: Die helle Galaxie links ist vermutlich nur einige hundert Millionen Lichtjahre entfernt. Das rote Fleckchen im Ausschnitt ist das Leuchten der Galaxie mit Supernova – das Licht ist 13 Milliarden Jahre alt! (JWST/NASA/ESA/CSA) | | | | | | Solche Beobachtungen sind unerhört wichtig, um etwas über die Vorgänge in der Kleinkindphase des Universums zu erfahren. Einen Stern ähnlich wie die Sonne könnte auch James Webb dort draußen nicht erspähen – aber wenn eine Supernova winkt, dann hat das Teleskop gute Chancen. Bis heute rätseln die Fachleute, wie genau die ersten Sterne entstanden und explodiert sind. | | | | | | Himmlische Chemiefabriken | | | | | | Unsere Sonne besteht zu einem Großteil aus Wasserstoff und Helium, enthält aber auch einige Prisen „Metalle“. So nennen die Astronomen – liebe Chemie-Fans, jetzt bitte tapfer sein – alle Elemente, die schwerer sind als Helium, also etwa Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff etc. In der Frühzeit des Kosmos gab es aber nur Wasserstoff und Helium, weil die schwereren Stoffe erst durch Kernfusion in Sternen entstehen mussten. Das James-Webb-Team war, wie es mitteilt, „schockiert“, wie sehr die Explosion vom 14. März vielen anderen in unserer Nähe ähnelt. Offenbar verlief die Sternentwicklung damals nicht wesentlich anders als heute. So eine Beobachtung ist ein wichtiges Puzzleteil, um zu verstehen, wie sich nach dem Urknall die ersten Sterne gebildet haben und welchen Einfluss sie auf die kosmische Nachbarschaft hatten. Die ersten sehr hellen Sterne nach dem Urknall haben das zunächst abgekühlte Gas im All geradezu wieder aufgekocht – ionisiert, wie man sagt. | | | | | | Licht fast dreimal so alt wie die Erde | | | | | | Mich begeistern solche Beobachtungen immer wieder: Webb hat das Licht einer Explosion untersucht, die vor mehr als 13 Milliarden Jahren aufgeflammt ist. Damals war von Sonne und Erde noch lange nicht die Rede – die sind erst acht Milliarden Jahre später entstanden. Was muss sich ein Photon (Lichtteilchen) freuen, das nach dreizehn Milliarden Jahren Reise nicht sinnlos an uns vorbeifliegt oder irgendwo in den Sand der Atacama-Wüste prallt, sondern genau in den Detektor eines Teleskops trifft und seine Information abliefert... Mission erfüllt! | | | | | | | | | Die Supernova vom 4. Juli 1054: An jenem Tag haben chinesische Astronomen einen hellen Lichtpunkt am blauen Tageshimmel beobachtet. Heute ist an jener Stelle diese elf Lichtjahre große Trümmerwolke zu sehen, die sich immer weiter ausdehnt. Aus Europa liegen keine Berichte der Supernova vor – vielleicht war es ein verregneter Sommer... (VLT/ESO) | | | | | | In den Weiten des Kosmos sind Supernovae All-Tag. Sehr massereiche Sterne beenden ihr Dasein in einer hellen Explosion. Automatische Suchprogramme finden im Schnitt alle 20 Minuten einen neuen Ausbruch. Allein in diesem Jahr gingen bereits 2600 Supernovae ins Netz (Stand Mittwoch Nachmittag)! Die Astronominnen und Astronomen wollen genauer verstehen, wie solche Explosionen ablaufen. Nach einer Supernova bleiben die glühenden Gasmassen zurück, die sich allmählich im All verteilen und verlöschen. Dieses Material enthält viele schwere Elemente, die für die Entwicklung von Leben unverzichtbar waren. Kohlenstoff oder Sauerstoff werden bei der Kernfusion in massereichen Sternen erbrütet. Auch Eisen, Nickel, Silber, Uran und viele Elemente mehr gehören zur Asche explodierter Sterne. | | | | | Die Angeber im All leuchten nur kurz | | | | | Die Natur hat die kosmischen Chemiefabriken bestens konstruiert: Je massereicher ein Stern ist, desto intensiver strahlt er. Ein Objekt mit zehnfacher Sonnenmasse leuchtet etwa 10.000-mal so hell wie die Sonne. Solche Sterne sind richtige Angeber. Aber sie zahlen einen hohen Preis: Sie existieren nur für etwa zehn Millionen Jahre – unsere Sonne lebt tausendmal länger! Die massereichen Sterne strahlen im Kosmos um die Wette, produzieren im Akkord schwere Elemente, explodieren recht schnell als Supernovae und verteilen so die Stoffe im Kosmos. Zudem dienen manche Sorten von Supernovae als „Standardkerzen“ (bekannt sind die vom Typ Ia – I ist die römische Eins). Sie scheinen immer in etwa gleich viel Energie abzustrahlen. Dann lässt sich einfach über die Helligkeitsmessung am Himmel die Entfernung berechnen. Mit Hilfe solcher Supernovae wird die Ausdehnungsgeschwindigkeit des Universums gemessen – und genau dabei entdeckte man Ende der 90er Jahre, dass der Kosmos immer schneller auseinander rast. Eine ominöse „Dunkle Energie“ treibt ihn an, wobei bis heute völlig unklar ist, was dahinter steckt. Toll, was sich mit explodierten Sternen alles machen lässt! | | | | | Die Supernova für die Himmels-Revolution | | | | | Da ich Dänemark besonders mag, darf ich eine Supernova-Geschichte nicht unerwähnt lassen. Am 11. November 1572 geht der Däne Tycho Brahe über den Hof seines Anwesens im heutigen Südschweden. Im Sternbild Kassiopeia (Himmels-W) fällt ihm ein heller Stern auf, den er nie zuvor gesehen hat. Die – wie wir heute wissen – Supernova ist für ihn „ohne Zweifel das größte Naturwunder seit der Erschaffung der Welt“. Dieses Objekt strahlt zeitweise fast so intensiv wie die Venus an unserem Himmel. Über ein Jahr lang ist es mit bloßem Auge zu sehen, dann verblasst es (Teleskope gab es damals noch nicht). | | | | | | | | | | Hier hat es 1680 gekracht: Dieser Supernova-Überrest im Sternbild Kassiopeia, beobachtet vom James-Webb-Teleskop, ist knapp zehn Lichtjahre groß. Die Explosionswolke enthält große Mengen an Sauerstoff, Schwefel, Argon und Neon, die im Vorgängerstern entstanden sind. (NASA/ESA/CSA) | | | | | | Tycho Brahe weist nach, dass das neue Objekt viel weiter entfernt sein muss als der Mond. Nach der alten Lehre des Aristoteles, nach der die Erde im Zentrum der Welt steht, ist der Kosmos ewig unveränderlich. Nach Aristoteles hätte der neue Stern ein Phänomen der Erdatmosphäre sein müssen – auch Kometen hielt man damals für atmosphärische Ausdünstungen. Doch Tycho Brahe widerlegt das. Er wendet sich endgültig seiner großen Leidenschaft, der Himmelskunde, zu, veröffentlicht schnell das Büchlein „De nova stella“ (Über den neuen Stern) und wird schlagartig der bekannteste Astronom Europas. Der Rest ist Legende: Der dänische König Frederik II. gibt Tycho die Insel Ven im Öresund als Lehen. Von 1576 bis 1597 betreibt der Astronom dort das weltbeste Observatorium. Die von Brahe gemessenen Planetenpositionen helfen schließlich Johannes Kepler aus Weil der Stadt, das neue Weltbild des Nicolaus Copernicus (mit der Sonne im Zentrum) mathematisch auf eine korrekte Basis zu stellen – damit ist der Durchbruch zur modernen Astronomie geschafft. Die Supernova von 1572 hat indirekt unsere ganze Welt bewegt! | | | | | | War sonst noch was? Ach ja, Elon Musk jagt mal wieder zwei Nebelraketen durchs himmlische Dorf. Nun will er Rechenzentren in der Erdumlaufbahn einrichten und doch nicht ganz so schnell zum Mars, sondern sich erst einmal auf den Mond fokussieren. Vermutlich hat er jetzt endlich den allerersten Mr. Sternzeit-Newsletter gelesen, in dem es um den Aufwand von Mond- und Marsflügen ging. Raumfahrtfans wissen: Die oft großspurig verkündeten Terminpläne aus dem Hause Musk sind in etwa so belastbar wie einst die vom Berliner Flughafen. Alaaf und Helau! | | | | | | | | | | | Dirk Lorenzen berichtet seit mehr als 30 Jahren über Astronomie und Raumfahrt. Er hofft, selbst noch eine Supernova am Himmel zu sehen. So ein Ereignis ist seit gut 300 Jahren überfällig. Daher geht so oft wie möglich sein „Kontrollblick“ zu Beteigeuze im Orion. | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Der Beobachtungstipp | | | | | | | | | | | | | | | | Zuletzt war 1572 und 1604 eine Supernova in unserer Milchstraße mit bloßem Auge zu sehen. Es wird längst wieder Zeit. Ein Kandidat für eine künftige Supernova ist Beteigeuze, die linke Schulter des Orion. Er ist jetzt abends am Südhimmel zu sehen. Eine Beteigeuze-Supernova schiene für uns fast so hell wie der Vollmond. Beteigeuze wird, astronomisch gesehen, sehr bald aufflammen: Heute, morgen oder in 20.000 Jahren. (Stellarium) | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Das tägliche Stück vom Himmel | | | | | | | | | | | | Nicht nur Sterne haben irgendwann ein Ende, auch der Kosmos insgesamt. Noch ist offen, ob das Universum auf ewig auseinander fliegt und einfach auskühlt, ob es komplett zerrissen wird oder sogar zu einem neuen Urknall zusammenstürzt – nachzuhören in der Sternzeit vom 9. Februar. | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Big Whimper, Big Rip, Big Crunch | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Sie wollen täglich ein Stück vom Himmel hören? Dann abonnieren Sie hier die Sternzeit in der Deutschlandfunk App. | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Elon Musk plant KI-Rechenzentren im Orbit. Ernsthaft?! Felix Huber, Direktor des Nationalen Raumfahrtkontrollzentrums in Oberpfaffenhofen, hat das Konzept einem Reality-Check unterzogen. Ein Kritikpunkt: Die Anlagen wären wie Scheunentore für aufprallenden Weltraumschrott. Und um den geht es auch in Karl Urbans Feature "Fallout im Orbit". Nicht nur Trümmer sind ein Problem in der Umlaufbahn, sondern auch die chemischen Reste, die beim Verglühen in der Atmosphäre zurückbleiben – mit noch weitgehend unbekannten Folgen. Viel Spaß beim Hören! | | | | | | | | | | | | | Fallout im Orbit - Was bleibt, wenn Weltraumschrott verglüht? | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Interview Felix Huber - Wie realistisch sind Musks KI-Rechenzentren im All? | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Ihnen gefällt dieser Newsletter? | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Mr. Sternzeit – Der Deutschlandfunk Weltraum-Newsletter | | | | | | © Deutschlandradio Körperschaft des öffentlichen Rechts
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