| | | | | | | 22. April 2026 - Ausgabe 26 | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Dirk Lorenzen Astrophysiker, Autor der Sternzeit | | | | | | | | | Liebe Leserinnen und Leser, liebe Weltraumfans, die schmale Sichel der Erde rückt immer näher an den staubigen Mondhorizont heran – und verschwindet schließlich. Ohne Blick- und Funkkontakt zur kosmischen Heimat ist die Besatzung der Artemis-2-Mission dann für 40 Minuten buchstäblich hinter dem Mond. Vielleicht ist dieser „Erduntergang“ von Ostern 2026 irgendwann einmal ein ähnlich ikonisches Bild wie der „Erdaufgang“ von Apollo 8 Weihnachten 1968. Es scheint paradox: Wer zum Mond fliegt, entdeckt die Erde, unsere so wunderbare Lebensoase in den dunklen Weiten des Kosmos. Und sonst? Vier Milliarden Dollar, tolle Technik, viel PR-Getöse und eine Prise Wissenschaft. | | | | | | | | | | Der Erduntergang von Artemis 2. Als die Erdsichel hinter dem Mondhorizont verschwindet, sind die vier Menschen in der Kapsel einige Zeit in kosmischer Ruhe völlig auf sich allein gestellt. (NASA) | | | | | | Es ist vollbracht: Zum ersten Mal seit Apollo 17 Ende 1972 sind wieder Menschen zum Mond geflogen. Das Raumschiff Orion, dessen Antriebs- und Versorgungsblock bei Airbus in Bremen gebaut wird, hat tadellos funktioniert. Christina Koch, Reid Wiseman, Victor Glover und Jeremy Hansen haben neun Tage in der Orion-Kapsel ausgehalten, die ähnlich geräumig ist wie ein kleiner Campingbus. Sie sind in etwa 7000 Kilometern Abstand am Mond vorbei gezogen und wieder heil auf der Erde gelandet. Die Heldengeschichte der Mondreise begeisterte viele Menschen – und war für einige Tage eine willkommene Abwechslung zu all den Kriegen und Krisen auf Erden. | | | | | Absurder Rummel um den Entfernungsrekord | | | | | Natürlich war dieser Flug auch eine perfekte Inszenierung. Da wurde einiges kräftig übertrieben. NASA und ESA schwärmten stolz vom Entfernungsrekord: Nie zuvor hatten sich Menschen so weit von der Erde entfernt wie bei dieser Mission. Allerdings war man mit knapp 407.000 Kilometern Abstand nur etwa anderthalb Prozent weiter draußen als die Crew von Apollo 13. Sehr geschickt hat man eine Schwäche des Raumschiffs als Stärke verkauft: Wer auf dem Mond landen will, fliegt möglichst nah um ihn herum. Wer nicht auf dem Mond landen will – und Orion kann gar nicht landen – hält zur Sicherheit etwas größeren Abstand. Rekord? Ja, erzwungenermaßen! Auch bei der lunaren Wissenschaft war der PR-Rummel größer als der Erkenntnisgewinn: Die Besatzung von Artemis 2 hat während des Fluges um den Mond herum einige Stunden intensiv aus den Fenstern geguckt, Bilder gemacht und sich an der Schönheit des Mondes erfreut. Victor Glover war völlig überwältigt, dass am Terminator – der Licht-Schatten-Grenze auf dem Mond – hell erleuchtete Bergspitzen schon aus dem Dunkel ragten, während das Sonnenlicht die tieferen Gebiete noch nicht erreicht hatte. Der Terminator sei wunderbar unregelmäßig und verlaufe in Zacken und Biegungen. Dieses Staunen hat mich sehr berührt. Ich kenne es gut: Zeige ich anderen den Mond in meinem Teleskop, so sind auch sie stets überwältigt vom Blick auf Berge und Krater (übrigens freue ich mich selbst auch jedes Mal). Allerdings kann ich ihnen diese nur auf der Vorderseite zeigen. | | | | | | | | | Der Terminator fast wie bei Artemis... Die Hell-Dunkel-Grenze des Mondes erscheint kurz nach abnehmendem Halbmond mit vielen Kratern, Bergen und Tälern sehr zerklüftet. Dieses Bild habe ich mit einem recht alten Smartphone am Okular meines Spiegelteleskops aufgenommen. (Lorenzen) | | | | | | Völlig aus dem Häuschen war man bei der NASA, dass das Artemis-Team erstmals das Mare Orientale beobachtet hat, ein rund 500 Kilometer großes Einschlagsbecken knapp hinter dem linken Ohr des Mondgesichts. Diese Struktur erst jetzt zu sehen, war keine Hexerei – sondern eine Folge der Starttermine. Alle neun Apollo-Mondmissionen hatten bei zunehmendem Mond stattgefunden – da liegt das Mare Orientale im Dunkeln. | | | | | | Lichtblitze einschlagender Meteoriten | | | | | | Artemis 2 hat keineswegs die gesamte Rückseite des Mondes zu Gesicht bekommen. Beim Überflug war nicht ganz ein Viertel davon beleuchtet. Im dunklen Teil bemerkte die Besatzung einige Lichtblitze. Sie entstehen, wenn kleine Brocken, typischerweise etwa so groß wie eine Walnuss, aus dem All auf dem Mond einschlagen. Auf der Erde verglüht so etwas als Sternschnuppe, mangels Atmosphäre schlägt auf dem Mond alles ein. Auch um so etwas zu sehen, muss man nicht zum Mond fliegen. Bereits mehr als 400 Mal wurden solche Blitze beobachtet – von der Erde aus! Auch ambitionierte Amateure erfassen immer wieder das Leuchten der kosmischen Treffer. Wie sich zeigt, kracht im Schnitt etwa alle zehn Minuten (!) so ein Bröckchen auf den Mond. | | | | | | Bewegende Vorschläge für Kraternamen | | | | | | In einem sehr bewegenden Moment schlug die Besatzung vor, zwei bisher unbenannte Krater Integrity und Carroll zu taufen. Integrity ist der Name dieser Orion-Kapsel, Carroll der Name der verstorbenen Frau von Kommandant Reid Wiseman. Krater auf dem Mond werden nicht von der NASA benannt, sondern von der Internationalen Astronomischen Union. Den Wünschen der Artemis-Besatzung wird man hoffentlich entsprechen. Oft hieß es, die Besatzung hätte die beiden Krater entdeckt. Das ist Unfug. Der Mond ist längst komplett kartiert, etwa durch die NASA-Sonde Lunar Reconnaissance Orbiter, die ihn seit fast zwei Jahrzehnten umkreist. | | | | | | Zwischen Humboldt und Jugend forscht | | | | | | Ja, die Mondbeobachtungen aus der Kapsel sind sehr interessant und erfreuen auch Fachleute am Boden. Aber was bei der NASA fast nach der Neuentdeckung des Mondes klang, lag irgendwo zwischen Naturbeschreibung eines Alexander von Humboldt und einem Jugend-forscht-Projekt. Das ist kein Vorwurf. Denn Kernaufgabe dieser Mission war das Erproben des Orion-Raumschiffs. Beim Artemis-Mondprogramm geht es eben nicht um Wissenschaft, sondern um Politik und die Demonstration von Macht. Es ist Teil eines Wettlaufs zwischen China und den USA. Klar, es wird sowohl bei chinesischen als auch bei US- amerikanischen Missionen etwas wissenschaftlichen Beifang geben – aber der ist nur der Puderzucker auf dem Politikkuchen. | | | | | | | | | | Hier sind die Stellen markiert, an denen das ESA-Projekt NELIOTA Einschlagsblitze auf dem Mond beobachtet hat. Kosmische Treffer sind nur dann zu sehen, wenn der Einschlagsort gerade im Dunklen liegt. (ESA) | | | | | | Was will man (dauerhaft) auf dem Mond? | | | | | Mich nervt manchmal, dass wir uns am Mond nicht ehrlich machen. Oft muss recht schwärmerisch die Wissenschaft als Begründung solcher Missionen herhalten. Die Forschung dient aber nur als Feigenblatt. Für manche ist sie vielleicht sogar ein Pfeifen im Wald, weil es kaum überzeugende Argumente dafür gibt, Menschen (dauerhaft) auf den Mond zu schicken. Wie heißt es oft? Man fliege dieses Mal zum Mond, um zu bleiben. Im Ernst? Mondflüge kosten Mondpreise – und der echte Nutzen ist nicht direkt erkennbar. Rohstoffe? Allenfalls in ferner Zukunft. Und wenn es sie gibt, können gerne die Firmen hinfliegen, die mit Mondsteinen Geld verdienen wollen. Militärische Nutzung? Der Mond ist viel zu weit von der Erde entfernt, um als Standort für Waffen oder Aufklärungssysteme zu dienen. Wäre wirklich Forschung das Hauptziel, so wären die Ergebnisse angesichts der Kosten erbärmlich. Nach NASA-Angaben schlägt die Artemis-2-Mission mit rund vier Milliarden US-Dollar zu Buche. Zum Vergleich: Der Jahresetat der Max-Planck-Gesellschaft, die exzellente Forschung in vielen Disziplinen liefert, liegt bei grob drei Milliarden US-Dollar. Mit dem finanziellen Aufwand für drei Artemis-Missionen ließe sich ein zweites James-Webb-Weltraumteleskop bauen und viele Jahre lang betreiben. Apropos James Webb: Das neue Lieblingsinstrument vieler Himmelsfans wurde während der Artemis-2-Mission nur auf Sparflamme betrieben. Denn das Deep Space Network, der Verbund großer Radioschüsseln rund um die Erde für den Kontakt zu Raumsonden, kam vor allem für den Mondflug zum Einsatz. Andere Missionen wie James Webb mussten daher auf Funkkontakt und Datenübertragung verzichten. | | | | | Wann geht es wieder zum Mond? | | | | Zwischen der ersten (nur mit Puppen) und zweiten Artemis-Mission lagen mehr als drei Jahre. Es ist gut möglich, dass die nächste Pause ebenso lange dauert. Bei Artemis 3 will man das Andocken des Raumschiffs Orion an die Mondlandefähren üben – nicht am Mond, sondern in der Erdumlaufbahn. Doch es ist völlig offen, wann die Fähren einsatzbereit sind. 2027 als Startdatum für diesen Testflug erscheint mehr als optimistisch. Die Landung mit Menschen im Jahr 2028 ist eine rein politische Vorgabe, weil dann Donald Trump aus dem Amt scheidet. Ich würde gern mal als Mäuschen zuhören, was NASA-Chef Jared Isaacman in seiner Küche wirklich über das US-Mondprogramm und die Chancen im Wettstreit mit China sagt, denn die "Mond-Panik der NASA" ist kaum zu übersehen (Newsletter Nr. 24). Zwar kommen die Chinesen offenbar sehr zielstrebig voran. Aber auch sie werden Probleme bekommen, die Prestige-Trips zum Mondsüdpol zu begründen und zu finanzieren. | | | | | | | | | | Ein Bild für die Ewigkeit: Der Erdaufgang, aufgenommen von Apollo 8 Heiligabend 1968. Die Besatzung war völlig überrascht, die Erde auftauchen zu sehen. In der Kapsel witzelte man, dass dieses Fotomotiv „nicht auf der Liste“ stand - Filmrollen waren kostbare Fracht an Bord! Zum Glück machte man dennoch ein paar Bilder. (NASA) | | | | | | Liegt der Artemis-Höhepunkt schon hinter uns? | | | | | Die Reise zum Mond fasziniert uns. Der Anblick der kleinen blauen Erd-Murmel im schwarzen Kosmos berührt viele Menschen. Diese Perspektive bietet sich nur vom Mond aus, nicht von der ISS, die dafür viel zu niedrig fliegt. Die Begeisterung war groß. Sollten in einigen Jahren wirklich Menschen auf dem Mond landen, werden wir das gebannt verfolgen. Aber es könnte wie bei Apollo enden: Da war die Neugier schnell verpufft. Die Aufnahmen der dritten Mondlandung sehen für Laien genauso aus wie die der ersten beiden. Da wird auch auf TikTok gefragt werden, warum man Milliarden Dollar für ewig gleiche Eindrücke ausgibt. Was ist uns heute noch von Apollo präsent? Der berühmte Stiefelabdruck im Mondstaub und der Astronaut in der grauen Landschaft - beides Bilder von Apollo 11. Vor allem aber der Erdaufgang: die blaue Erde, die über dem trostlosen Mondhorizont Hoffnung ausstrahlt – aufgenommen von Apollo 8. Manche sagen, dieses Bild sei weltweit das Startsignal für mehr Umweltbewusstsein gewesen. Mit ihm wurden viele Menschen von eher gedankenlosen Erdlingen zur sich sorgenden Besatzung des Raumschiffs Erde. Der Blick auf Erde und Mond war in mancherlei Hinsicht bedeutender als die Landung selbst. Hat auch das Artemis-Programm seine wichtigste Reise schon hinter sich? | | | | | | | | | | | Dirk Lorenzen berichtet seit mehr als 30 Jahren über Astronomie und Raumfahrt. Er guckt gern in den Mond und ist überzeugt, dass dort in einigen Jahren wieder Menschen landen werden. Aber auch diese Mondbesuche werden nur eine kurze Episode sein. | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Der Beobachtungstipp | | | | | | | | | | | | | | | | Der zunehmende Mond steht derzeit am Abendhimmel – auch die Planeten Venus und Jupiter lassen sich bestaunen. Heute (Mittwoch, 22. April) steht der Mond dicht bei Jupiter. In der Nacht auf Freitag ist Halbmond. Sonntag (hier abgebildet) ist der Mond schon bis in den Löwen gewandert. (Stellarium) | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Das tägliche Stück vom Himmel | | | | | | | | | | | | Bevor Menschen ins All geflogen sind, mussten Mäuse, Hunde, Affen und andere Tiere erproben, ob sich Start, Schwerelosigkeit und Rückkehr überleben lassen. Für Juri Gagarin machten die Hunde Belka und Strelka den Weg frei. Von ihnen und anderen astronautischen Tieren erzählt die Sternzeit vom 20. April. Bitte achten Sie auch auf das Bild meiner Porzellan-Preziosen, gekauft im Sternenstädtchen in Moskau. Die Hunde-Rakete brachte mir erst viel Spott von Kolleginnen und Kollegen ein – und später viel Neid. | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Hunde und Affen, Pioniere der Raumfahrt | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Sie wollen täglich ein Stück vom Himmel hören? Dann abonnieren Sie hier die Sternzeit in der Deutschlandfunk App. | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Warum blicken wir zum Mond - wenn doch gleichzeitig die Erde brennt? Kriege, Krisen, Klimakatastrophe, und eine erhebliche Zahl von Menschen verfolgt mitten in der Nacht eine Astronautin und drei Astronauten bei ihrer Runde um den Mond. Ein Medienspektakel, über das Dirk Lorenzen in der Sendung Mediasres spricht. Außerdem läuft gerade eine Isolationsstudie, als Vorbereitung auf 100 Tage Einsamkeit - vielleicht demnächst auf einer Mondbasis? Viel Spaß beim Hören wünscht die Redaktion! | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Medienereignis Mondmission | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Kommentar: Macht uns der Blick zum Mond blind? | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Ihnen gefällt dieser Newsletter? | | | | | | | | | | | | | | | | | | | | Mr. Sternzeit – Der Deutschlandfunk Weltraum-Newsletter | | | | | | © Deutschlandradio Körperschaft des öffentlichen Rechts
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