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Dirk Lorenzen
Astrophysiker, Autor der Sternzeit
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Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Weltraumfans,
kurz vorweg: Anfang Mai haben wir Sie um Ihre Meinung zum Newsletter
gebeten. Über 1100 von Ihnen haben an der Umfrage teilgenommen –
großartig! Das Ergebnis freut uns sehr: Im Wesentlichen soll der
Newsletter so bleiben, wie er ist. Vielen Dank für Ihre Treue –
wir geben uns Mühe! Sie haben uns auch Anregungen geschickt: Viele von
Ihnen interessieren sich besonders für aktuelle Forschungsergebnisse
– und da haben das James-Webb-Weltraumteleskop und der ferne Kosmos
schon einmal etwas vorbereitet.
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Licht vom
Rande der Welt: CANUCS-LRD-z8.6 ist eine kleine Galaxie mit einem riesigen
Schwarzen Loch. Ist es direkt beim Urknall entstanden? (JWST / NASA / ESA /
CSA)
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Webb beobachtet Objekte, deren Licht sich vor mehr als 13
Milliarden Jahren auf den Weg gemacht hat - als das All noch in der
kosmischen Krabbelgruppe war. Dort, fast am Anfang der Welt, hat Webb nun
Schwarze Löcher entdeckt, die bis zu 100 Millionen Mal so viel Masse
haben wie die Sonne – ein sensationeller Befund, der Theorien
unterstützt, die bisher eher als exotisch galten. Offenbar entstanden
diese Objekte unmittelbar beim Urknall oder einige Zeit später durch
den Kollaps riesiger Gaswolken. Eines der Hauptziele von Webb ist, die
Anfänge des Universums zu ergründen. Das Teleskop liefert. Und
wie!
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Kleine rote Punkte –
große Schwarze Löcher
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Sieht Webb eine Galaxie am Rande des Kosmos, deren Licht 13
Milliarden Jahre lang durch das All gelaufen ist, dann sieht das Teleskop
diese Galaxie zu einer Zeit, als das Universum erst 800 Millionen Jahre
jung war. Denn der Kosmos ist nach dem populärsten Weltmodell 13,8
Milliarden Jahre alt. Ein Blick weit hinaus in den Weltraum ist also immer
ein Blick zurück in dessen früheste Kindheit. Mit Teleskopen
lässt sich „himmlische Archäologie“ betreiben: Die
Fachleute sehen weit in frühere Epochen zurück und beobachten,
was damals im All vor sich ging. Das ist in etwa so, als könnte man
heute noch Kleopatra, die Neandertaler und unsere Urahnin Lucy beobachten.
Auf der Erde geht das nicht – aber Webb erfasst unsere kosmische
Geschichte so gut wie kein Teleskop zuvor. Nahe dem Rand des Kosmos
wimmelt es von „little red dots“ (LRD), „kleinen roten
Punkten“, wie Fachleute sagen. Es handelt sich um sehr weit entfernte
Galaxien. Der rote Fleck auf dem Bild oben ist CANUCS-LRD-z8.6. Diese
Galaxie im Sternbild Löwe sehen wir so, wie sie 570 Millionen Jahre
nach dem Urknall aussah. Ihr Licht war 13,2 Milliarden Jahre zu uns
unterwegs. Sie verfügt über ein Schwarzes Loch, das etwa 100
Millionen Mal so schwer ist wie unsere Sonne (Link zu
ESAWebb). Weil es Unmengen an Material verschlingt, leuchtet seine
Umgebung so hell.
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Ein fast nacktes Schwarzes
Loch
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Auch das Objekt QSO1 (1300 Lichtjahre Durchmesser) im
Sternbild Bildhauer sorgt sowohl für Verzückung als auch für
Stirnrunzeln. Es ist ein Galaxienkern etwa 700 Millionen Jahre nach dem
Urknall. Mit Webb ließ sich die Bewegung des Gases in diesem Objekt
vermessen. Wie sich zeigt, gibt es dort ein Schwarzes Loch mit 50 Millionen
Sonnenmassen, um das Wolken aus Wasserstoff und Helium herumwirbeln. Aber
Sterne sind dort Mangelware. QSO1 ist ein riesiges Schwarzes Loch ohne eine
richtige Galaxie drumherum (Link zu
ESAWebb).
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Das
Lieblingsinstrument für die Anfänge des Universums: Das
James-Webb-Weltraumteleskop (Illustration) befindet sich 1,5 Millionen
Kilometer von der Erde entfernt und beobachtet mit seinem Infrarot-Blick
die frühesten Galaxien im Kosmos. (NASA)
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Die Nobelpreis-Frage lautet: Wie konnten Schwarze Löcher
so früh in der kosmischen Geschichte schon so groß sein? Nach
traditioneller Vorstellung sind Schwarze Löcher die Reste massereicher
Sterne, die als Supernova explodiert sind. Die Leichen dieser Objekte haben
dann mit etwas Glück vielleicht 50- oder 100-mal so viel Masse wie die
Sonne. Mit der Zeit verschmelzen sie und bilden so die riesigen Schwarzen
Löcher, die im Zentrum vieler Galaxie vorkommen. Auch in der Mitte
unserer Milchstraße gibt es ein Objekt mit gut vier Millionen
Sonnenmassen. Es dauert Milliarden Jahre, um mit der
„Eichhörnchen-Taktik“ auf solche Größe
anzuwachsen. Die beobachteten Schwarzen Löcher mit Zigmillionen
Sonnenmassen können nicht binnen weniger hundert Millionen Jahre
entstehen. Mit „normaler“ Sternentstehung ist das nicht zu
schaffen.
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Dem All ging schnell ein Licht
auf!
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Nach dem Urknall war das Universum zunächst ein einziger
Brei aus Materie und Strahlung. Der kühlte langsam ab, und
schließlich fing das Gas an, sich zu Sternen und Galaxien zu
verklumpen: In den dunklen Weiten des jungen Weltalls flammten die ersten
Sterne auf. Einst dachte man, dass mindestens zwei Milliarden Jahre
verstrichen, bis das „dunkle Zeitalter“ zu Ende ging. Doch wie
Webb zeigt, hatte der Kosmos es sehr eilig, Licht zu machen. Die jungen
Sterne am Rand des Alls leuchten vor Ort in blauem Licht. Durch die
Ausdehnung des Universums wurde die Wellenlänge stark gedehnt –
und das einst blaue Licht kommt bei uns weit ins Infrarote verschoben an.
Genau deswegen wurde das James-Webb-Weltraumteleskop für
Infrarotbeobachtungen ausgelegt – nur so sieht es noch weiter hinaus
ins All, noch weiter zurück in der Zeit.
Webbs Entdeckungen
bringen einige ältere, etwas belächelte Ideen wieder ins Spiel,
wie Schwarze Löcher auch ohne den „Umweg“ über Sterne
entstehen. Nach einer Theorie bildeten sich in den ersten Sekunden nach dem
Urknall „primordiale“ Schwarze Löcher ganz
unterschiedlicher Masse. Nach einer anderen stürzten gut 100
Millionen Jahre nach dem Urknall riesige Gaswolken direkt zu gigantischen
Schwarzen Löchern zusammen – ohne erst Sterne zu
zünden.
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In der
Spiralgalaxie M 77 (45 Millionen Lichtjahre entfernt; Sternbild Walfisch)
befindet sich ein Schwarzes Loch mit acht Millionen Sonnenmassen, das
gerade viel Materie verschlingt und daher extrem hell leuchtet (die Linien
entstehen durch Beugung im Teleskop). Ist es bereits kurz nach dem Urknall
entstanden? Mehr zu M 77 in der Sternzeit vom 12. Juni. (Webb / NASA / ESA / CSA)
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Wichtige Arbeiten zu diesem Thema verfasste übrigens Avi
Loeb, Kosmologe an der Harvard-Universität. Der sorgte zuletzt mit
seinen – nun ja – „interessanten“ Ideen für
Aufsehen, interstellare Objekte wie der Asteroid 'Oumuamua seien getarnte
Alien-Raumschiffe. Mein Traum: Herr Loeb widmet sich jetzt wieder Fakten
und erklärt uns, wie Schwarze Löcher so früh im All
entstehen konnten! Vor 30 Jahren waren seine Überlegungen nur
kühne Ideen – heute kann er den Schwarzen Löchern fast beim
Wachsen zusehen.
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Das kosmische
Henne-Ei-Problem
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Löst sich jetzt das kosmische Henne-Ei-Problem? Lange
rätselte man, ob sich erst Galaxien bilden, in deren Zentren Schwarze
Löcher entstehen. Oder ob Schwarze Löcher die
„Keimzellen“ sind, um die herum sich Galaxien formen. Für
dieses Szenario sprechen die beiden neuen Objekte. Sollten sich die
Ergebnisse bestätigen, wäre das nicht weniger als eine Revolution
für unser Verständnis von den Vorgängen am Anfang des
Kosmos. Webb hätte die Theorie der Galaxienentwicklung
buchstäblich auf den Kopf gestellt. Es bleibt spannend!
Darf es
noch ein Rekord sein? Die fernste (oder früheste) derzeit bekannte
Galaxie ist das Objekt MoM-z14 im Sternbild Sextant (Abb. 4). Wir sehen sie
nur 280 Millionen Jahre nach dem Urknall – auch deren Existenz ist,
gelinge gesagt, eine Herausforderung für heutige Theorien. Auch diese
Galaxie dürfte sich um das „Saatkorn“ eines Schwarzen
Lochs herum gebildet haben.
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Die fernste Galaxie im All
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Mich fasziniert eine so lange Reise durch den Kosmos: Das
Licht dieser Galaxie hat sich auf den Weg gemacht, als von Sonne und Erde
(nicht einmal fünf Milliarden Jahre alt!) noch lange keine Rede war.
Da rast ein Photon über 13 Milliarden Jahre lang öde durch das
All und hat dann das sagenhafte Glück, den mit Gold belegten Spiegel
von Webb zu treffen und seine Informationen vom Anfang des Universums
abzuliefern! Mission erledigt – Hauptgewinn! Andere Photonen prallen
in den Mondstaub, „versanden“ in der Erdatmosphäre oder
laufen einfach weiter durchs All – da ist der Frust sicher
groß...
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So weit die
Photonen tragen: MoM-z14 ist derzeit die fernste beobachtete Galaxie. Ihr
Licht war 13,5 Milliarden Jahre lange unterwegs – einmal quer durch
den Kosmos. Es dürfte nicht lange dauern, bis das Teleskop einen neuen
Entfernungsrekord aufstellt. (JWST / NASA / ESA / CSA)
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In Zeiten, in denen viel gemeckert wird, sollte man auch das
Positive wahrnehmen. Ja, der Bau des Webb-Teleskops war von
Kostensteigerungen und Verzögerungen geprägt. In mehr als zwei
Jahrzehnten wurden rund neun Milliarden US-Dollar ausgegeben. Während
der erhofften 20 Jahre Betriebsdauer sind – grob geschätzt
– 100 Millionen US-Dollar pro Jahr fällig. Das ist jede Menge
Geld, nach einem Astronomie-Kalauer aber pro Stern sehr wenig. Im Ernst:
Verglichen mit anderen Raumfahrtunternehmungen ist Webb geradezu ein
Schnäppchen. Mit seinem Budget könnte man gerade mal drei
Artemis-Missionen rund um den Mond durchführen – ohne Landung.
Webb begeistert die meisten Menschen, verzaubert uns mit Bildern aus den
Tiefen des Kosmos und lässt unsere Gedanken rund um den Urknall im
Hirn Karussell fahren (jedenfalls geht es mir so). Ob Mondflüge das
jemals schaffen? Da habe ich meine Zweifel. Webb schenkt uns das Universum!
Dafür ist es jeden Dollar und Euro wert.
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Auch nach der Umfrage: Ihre
Meinung ist gefragt!
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Zum Abschluss noch zwei Hinweise: Wir stellen unsere
Newsletter-Software um. Im Layout werden Sie es nicht merken, nur leider
verschwinden dadurch alle alten Ausgaben aus dem Newsletter-Archiv. Ab
dieser Ausgabe wird das Archiv wieder wachsen – wir
bitten um Ihr Verständnis. Auch ohne Umfrage freuen wir uns
immer über Kritik, Fragen, Vorschläge etc. Schreiben Sie bitte
einfach eine E-Mail an Sternzeit@deutschlandfunk.de –
danke! Mit himmlischen Grüßen
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Dirk Lorenzen berichtet seit mehr als 30 Jahren über
Astronomie und Raumfahrt. Ihn faszinieren die Anfänge des Kosmos und
die prachtvollen Webb-Bilder. Er freut er sich auf jeden neuen Fachartikel
über die ersten Sterne und Schwarzen Löcher im Universum.
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Im Norden Deutschlands ist nicht nur die
Mitternachtsdämmerung zu bestaunen. Mit etwas Glück sind zudem
tief am Nordhimmel leuchtende Nachtwolken zu sehen – ein an Perlmutt
erinnerndes Schillern von Eiswolken in 80 Kilometern Höhe (mit
„Wetterwolken“ haben sie nichts zu tun). Für mich ist
dieses Leuchten – hier am vergangenen Wochenende in Dänemark
aufgenommen – das betörend schöne himmlische Sommersignal!
Der helle Stern ist Capella im Fuhrmann. (Lorenzen)
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Starlink macht Kommunikation in Echtzeit möglich,
überall. Doch das Satellitennetzwerk gilt geopolitisch nicht mehr als
uneingeschränkt verlässlich. Starlink gehört zu SpaceX
und SpaceX gehört Tech-Milliardär Elon Musk. Und besagter Musk
verweigerte für Kiew im Herbst 2022, Starlink nahe der Krim zu
aktivieren - und verhinderte so einen ukrainischen Drohnenangriff auf die
russische Schwarzmeerflotte. Offiziell hieß es, „aus Sorge vor
einer nuklearen Eskalation“. Ein Privatmann kann also aktiv ins
Kriegsgeschehen von Staaten eingreifen. Was aber, wenn die EU
betroffen wäre? Wie Europa im Orbit unabhängig werden soll, dazu
empfehlen wir heute den "Hintergrund" von Anna Loll. Und weil es auch bei
der Mondlandung um eine Machtdemonstration geht, auch dazu gleich noch ein
Update aus China. Viel Spaß beim Hören!
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Europa, Starlink und die Macht
im All
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China und die
Geisterteilchen
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Das tägliche Stück vom
Himmel
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In 100 Sekunden erzählt die „Sternzeit“
eine Geschichte aus den Weiten des Weltraums – und das seit dem 1.
Oktober 1993 jeden Tag. Hier können Sie die Hörstücke
kostenlos abonnieren.
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